“Meilenweit zur Kühlbox” – Mit dem Fahrrad quer durch die USA

Thomas Widerin

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Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn jemand behauptet, er hätte von irgendetwas gar keine Ahnung. Und dann quasi im selben Atemzug verkündet, dieses Etwas zukünftig zu seinem Lebensinhalt zu machen. Genau so ein Mensch ist Thomas Widerin. Der Österreicher gibt an, noch vor einigen Jahren absoluter Fahrrad-Laie gewesen zu sein (“Vom Radfahren hatte ich (…) in etwa so viel Ahnung wie von der Mondfahrt: nämlich gar keine.”). Weder mit der Technik, noch mit der Reparatur von Fahrrädern habe er sich ausgekannt, geschweigedenn, dass er seit seiner Kindheit überhaupt jemals wieder auf einem Fahrrad gesessen wäre. Unsereins würde aus solchen Aussagen logisch schlussfolgern, dass Radfahren dann eben nicht seins ist. Aber weit gefehlt. Thomas Widerin ist nämlich auf die Idee gekommen, mit dem Rennrad die USA zu durchqueren. In sieben Wochen von New York bis San Francisco.

Die Sache mit dem Radfahren war dabei zunächst als Ausgleichssport gedacht. Thomas Widerin war nämlich – neben seinem Job als Polizist und Bergretter – Leistungssportler, doch er wollte in diesem Bereich etwas kürzer treten. Dass er den alten Leistungssport durch einen neuen ersetzt, schien ihm irgendwie nicht bewusst zu sein. Mir nicht dir nichts kauft er sich ein Rennrad,  trainiert, was das Zeug hält, und bringt sich alles rund ums Herumschrauben und Reparieren selbst bei. Nach mehreren Jahren (!) Vorbereitung geht’s dann schließlich los, mitten in New York, auf eine 11.000 Kilometer lange Fahrradtour.

Die Abenteuer dieser und weiterer Radreisen hat Thomas Widerin in einem Buch festgehalten. Es heißt “Meilenweit zur Kühlbox” und beschert dem Leser auf 238 Seiten Atemstillstand. Denn statt auf Naturschönheiten, sportliche Erfolge und tolle Erlebnisse fokussiert das Buch nahezu komplett auf all das, was nicht so lief wie es sollte. Und das ist eine ganze Menge. Die Pannen beginnen schon bei der Ankunft am New Yorker Flughafen, denn das Rad taucht nicht auf. Tagelang. Als es dann doch irgendwann ankommt und die Reise endlich beginnen kann, entgeht Thomas Widerin an Tag 1 nur knapp einer Verhaftung. In der Wüste verdurstet er mehrere Male fast, eine giftige Schlange schleicht sich in sein Zelt, mehrmalige risikoreiche Bekanntschaften mit Bären stehen in der kanadischen Wildnis auf dem Programm und an anderen Tagen vergisst er schlichtweg, Proviant mitzunehmen.

Als Leser leidet man, und fragt sich, ob so viel geballter Leichtsinn gewollt ist, um tolle Stories für das Buch zu sammeln. Oder ob hier jemand schreibt, der den Nervenkitzel einfach gerne provoziert. Oder ob der Mensch einfach nur schlichtweg verrückt ist. So ziemlich jede Warnung von Kennern und Einheimischen schlägt Widerin auf seinen Fahrten in den Wind, nur um hinterher festzustellen, dass er mal wieder Glück hatte, dem Tode entronnen zu sein. Sich als Autor in nahezu jedem Kapitel aufs Neue die Blöße zu geben, zuzugeben, dass man einfach nur dumm war, grenzt irgendwie ein bisschen an Masochismus. Am Ende des Buches ist der Leser deshalb nicht nur froh, dass Widerin noch lebt, sondern auch darüber, dass er seine letzte Radtour, die von Prudhoe Bay in Alaska nach New York führen sollte, nach wenigen tausend Kilometern abbrechen muss. Widerin ist ausgelaugt, er kann nicht mehr. Wer weiß, was passiert wäre, wenn er weitergefahren wäre.

“Meilenweit zum Kühlschrank” ist ein unerwartet spannendes, mit krassen Stories gespicktes Buch, das man am liebsten in einem Zug durchlesen möchte. Allerdings kommt man nicht umhin, sich zu fragen, ob sich wirklich alles haargenau so zugetragen hat. Und so ein, zwei Sätze über positive Radfahrerlebnisse hätten der Geschichte sicher auch nicht geschadet.

[Man glaubt es kaum, aber Thomas Widerin hat keine Homepage.]


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