Das Wasser, der Friedhof und die Unbekannten

Fahrradfahren 03Gestern bin ich zu einer Radtour aufgebrochen. Sozusagen zu der ersten seit unserem Abenteuer am Nordkap. Bis 17 Uhr saß ich in meinem mäßig kühlen Büro bis ich plötzlich unverrichteter Dinge aufgesprungen und zu meinem Fahrrad gehechtet bin. Dass es draußen ungefähr 40 Grad hat habe ich erst festgestellt, als der Moment umzukehren schon längst vorbei war. Ich musste (und wollte!) also weiterfahren.

Mit jedem zurückgelegten Meter wurde deutlicher: Es würde ein Wasser(versorgungs)problem auf mich zukommen. Ich würde es nicht nach hause Fahrradfahren 04schaffen ohne meine Wasserflasche nochmal aufzufüllen. Eine blöde Erkenntnis. Noch dazu ungünstig, dass ich jenseits von Großstädten und Infrastruktur unterwegs war. Die Idee, einfach irgendwo Wasser zu kaufen, fiel also flach. Es ist unglaublich, wie sehr einen der Gedanke an Wasser besetzt, wenn keines da ist. Man kann schier an nichts anderes mehr denken. Noch größer ist die Misere, wenn überall um einen herum eigentlich Wasser ist, aber man sich nicht traut, es zu trinken: Neben mir floss ein Bächlein vorbei, wenig später kam ich an einen Brunnen. Herrje, dachte ich mir, in welcher Zeit leben wir eigentlich, wenn man sich nicht traut “natürliches” Wasser zu trinken? Für die Menschen im Mittelalter wäre das sicher kein Problem gewesen.

Da kam mir die Idee mit den Friedhöfen in den Sinn. Und jetzt beginnt die Story-in-der-Story.

Fahrradfahren 06Unsere Reise zum Nordkap wurde nämlich durch eine kleine Gruppe von Menschen auf überraschende Weise bereichert. So sehr bereichert, dass ich immer noch mit einem Lächeln im Gesicht daran zurückdenke. Den Anfang gemacht hat Frau Rebis. Sie hat, in der großen weiten Welt da draußen (oder genauer gesagt: auf Twitter) mitbekommen, dass wir in St. Petersburg sind. Sie selbst ist Russland-Fan, hat schon mal in St. Petersburg gelebt und hat uns daraufhin mit einer Menge interessanter Informationen versorgt. (Danke nochmal!). In Finnland schließlich wurde Irgendlink zu unserer Inspiration für die Idee der Fahrt zum Nordkap. Er selbst ist seit 15. Juni dorthin mit dem Rad unterwegs, und twittert fleißig über seine Reise. Darüber habe ich hier schon mal geschrieben. Bis Ende August will er unterwegs sein – wer noch eine seiner genialen iDogma-Postkarten ergattern will sollte also zügig zuschlagen. Zu unserer Twittergruppe hinzu kamen außerdem Irgendlinks supernette Freundin SosoRecumbentTravelling, der sich mit seinem Liegefahrrad gerade auf der Rückreise vom Nordkap befand, sowie LiegenderFinne (ein weiterer Liegeradfahrer). Lauter Unbekannte, die unsere Reise irgendwie begleitet und mitgestaltet haben, und das über einen seltsamen Kurznachrichtendienst im Internet, über den wir uns fleißig hin- und hergeschrieben haben. Danke an Euch, es hat großen Spaß gemacht!

Wer noch nie am Nordkap war und selten Rad fährt kann nicht nachvollziehen, was es bedeutet, so wie Irgendlink oder RecumbentTravelling mit einem Fahrrad dorthin zu fahren. Auch uns sind ja ein paar schwer bepackte Radfahrer begegnet, die sich die schweren Steigungen bei massivem Gegenwind, Hitze und Kälte hinaufgequält haben. Dazu kommen die vielen Nächte im Zelt, die Mücken, die Logistik (Wäsche waschen, Nahrung kaufen) usw. Ich bin wirklich voller Bewunderung.

Fahrradfahren 02Tja, und ich hatte also auf meiner lächerlichen 40-Kilometer-Radtour plötzlich ein Wasserversorgungsproblem. Nicht besonders klug. Zugegebenermaßen. Ich war kurz davor, an fremden Häusern zu klingeln und um Wasser zu bitten, da fiel mir Irgendlinks Tipp ein: An Friedhöfen gibt es immer Wasser. Dort kann man nachfüllen. Ich brauchte also einen Friedhof. Schon wenig später kam ich zum Glück in ein winziges Dorf aus dessen Mitte unübersehbar ein Kirchturm herausragte. Zielstrebig steuerte ich dorthin, lehnte mein Fahrrad an eine Mauer und erblickte sogleich – meiner stereotypen Vorstellung entsprechend – eine ältere Frau in einem Schürzenkleid. Mit einer Gießkanne in der Hand, Gräber gießend. Wasser würde es also geben. Ich war erleichtert.

Ich frage also die Dame nach dem Wasseranschluss. “Hmmm”, meint sie, “es gibt da einen Brunnen.” Ich: “Ist das Trinkwasser?”. Sie: “Hmmmm. Ich Fahrradfahren 07denke nicht. Aber ich würde es trinken.” Na toll. Gemeinsam begeben wir uns zu besagtem Brunnen. “Probiernses halt mal. Man müsste ja schmecken, ob das Wasser in Ordnung ist.” Ich schöpfe mit der Hand und probiere. Das Wasser schmeckt ok. Gemeinsam rätseln wir, ob an nicht-trinkwasserkonformen-Brunnen vielleicht ein Hinweisschild angebracht sein müsste. Oder ob vielleicht nur jene Brunnen gekennzeichnet sind, die tatsächlich Trinkwasser enthalten. Plötzlich hellt sich das Gesicht der älteren Dame auf. “Ah! Da kommt jedes Jahr diese Schaustellerfamilie. Und die zapfen immer dieses Wasser an. Die trinken das. Und die kommen jedes Jahr wieder. Das Wasser muss also in Ordnung sein!”. Aha. Informationen erster Güte für mich sozusagen. Ich denke nochmal kurz nach: Potenzieller Durchfall oder lieber Verdursten? Da fällt die Entscheidung leicht. Ich fülle meine Flasche mit Wasser, trinke sie aus und fülle sie gleich nochmal. Bestes kühles Friedhofs-Brunnenwasser!

Die restliche Radtour war dann kein Problem mehr. Ans Nordkap radeln möchte ich trotzdem nicht. Aber vom Sofa aus, da ziehen mich solche Reisen schon sehr in ihren Bann.

[2012 ist Irgendlink einmal um die Nordsee geradelt. Knapp 8.000 Kilometer. Nicht nur eine wahnsinns Reise, sondern auch ein wahnsinns Kunstprojekt. Ein Klick auf dieses Filmchen lohnt sich.]

6 Kommentare

  1. Herrlicher Text! Danke fürs Erwähntwerden. Ob ich aber supernett bin? Hihi …
    Tolle Idee mit dem Friedhof. In der Schweiz ist alle Wasser, das nicht als “nicht trinkbar” gekennzeichnet ist, trinkbar. In Skandinavien auch. Wie das in Dld ist, weiß ich nicht so genau.
    Gute Weiterradeleien!

  2. Und ich war nicht dabei:-(

  3. Super Story
    Grüße LiegendeFinne
    Hannu

  4. Liebe Suzy, Durst ist wirklich höllisch. Da tut man irgendwann alles, um an Wasser zu kommen.
    Am liebsten natürlich verbrieftes Trinkwasser. Ich glaube es war Twitterkollege Harald Legner, der erwähnte, dass in Europa alles, was aus Hähnen kommt und nichz als nicht trinkbar ausgezeichnet ist, Trinkwasser ist. EU Vorschrift.
    Bei uns in der Gegend gibt es etliche Trinkwasserbrunnen mit nicht trinkbar Schildern, da dies die regelmäßige Untersuchung erspart.
    So wie es bei Dir auf dem Friedhof gelaufen ist, ists eigentlich am Besten. Jemand, der den Selbsttest überlebt hat ist ein guter Beweis.
    In der Schweiz haben wir auch schon Wasser aus der Reiss getrunken, allerdings abgekocht.
    Liebgrüß – Jürgen

  5. Lieber Gott,
    lass das Friedhofswasser gut gewesen sein, sonst muss ich morgen hier für Zwei arbeiten!

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