Zeitreise: Vor 8 Jahren in Chile

Mittlerweile sind wir seit 10 Tagen wieder daheim, und zugegebenermaßen ist es ein klitzekleines bisschen so, als wären wir nie weggewesen. Mir kommt es unwirklich vor, dass ich vor ein paar Wochen noch im Slum von Asunción stand und mir ganz selbstverständlich in Apotheken Haarshampoo gekauft habe, das sich in mit Vorhängeschlössern gesicherten Vitrinen befand. So ähnlich ging es mir auch nach meinem sechsmonatigen Südamerika-Aufenthalt im Jahr 2006. Irgendwann fing ich an zu denken, dass es gar nicht ICH war, die dort gewesen war, sondern nur irgendwer, den ich kenne und der mir davon erzählt hat. Aber: Ich habe Fotos als Beweis.

Gestern habe ich (zu meiner großen Erheiterung) angefangen, einige dieser Fotos von 2006 neben die von 2014 zu legen und zu vergleichen. Ehrlich gesagt habe ich beim Betrachten der Fotos erneut das Gefühl bekommen, dass es gar nicht ich war, die sich damals ein halbes Jahr in Südamerika durchgeschlagen hat. Ich habe mich optisch doch etwas verändert und auch mein damaliger Kleidungsstil hat mich etwas verblüfft. Die letzten Zweifel über meine Anwesenheit in Südamerika im Jahr 2006 wurden erst ausgeräumt, als ich meine Reiseberichte wiederentdeckt habe. Ich habe schon damals penibel alles Kuriose und Verblüffende festgehalten und habe mich beim Lesen nun wieder köstlich amüsiert. Ein paar Beispiele gefällig?

Pisco Sour und Pastel del Choclo, 2006

Pisco Sour und Pastel del Choclo, 2006 [Was für ein grauenhaftes Bild!!!]

Pisco Sour und Pastel del Choclo, 2014 (Die Form des Glases hat sich nicht verändert!)

Pisco Sour und Pastel del Choclo, 2014 [Die Form des Glases hat sich nicht verändert!]

18. April 2006: Über den ersten Besuch im Hallenbad

“Gestern war ein großer Tag. Mein erster Sprung in ein chilenisches Hallenbad. Das Hallenbad ist 2 U-Bahn-Stationen von meiner Wohnung entfernt. Ich bin da also hin, aber da war kein Schalter und logischerweise kein Automat, sondern ich musste in ein kleines schnuckeliges Büro, und das erste, was mich die gestylte ältere Dame dort gefragt hat, war, an welchem Tag und zu welcher Stunde ich kommen will. Ich dann so “Kann ich nicht kommen wann ich will?”. Und die Dame, total entsetzt: “Nein, stellen Sie sich vor, sie kommen, und es sind ganz viele Leute im Becken! Wie schrecklich!”. Hier läuft das also so ab, du sagst wann du kommst, und mietest so quasi deine eigene Bahn.” [Anmerkung von heute: Der Hammer war, dass es in all diesen Hallenbädern keine Schränke oder Spinde gab, sondern man seine Sporttasche einem Menschen in die Hand gedrückt hat, der für nichts anderes zuständig war, als auf das Zeug aufzupassen. Selbstverständlich hat man keine Nummer oder ähnliches bekommen, der Typ musste sich einfach merken, wem was gehört. Aber bei der überschaubaren Anzahl von Menschen im Becken war das jetzt auch nicht die große Kunst.]

Am Strand von La Serena, 2006

Am Strand von La Serena, 2006

Am Strand von La Serena, 2014

Am Strand von La Serena, 2014

28. April 2006: Über das Lebensgefühl in Santiago

“Ich liebe es, an einem der kleinen Kioske stehen zu bleiben und zusammen mit zehn Chilenen die Titelseiten der Zeitungen anzuschauen. Die Kioske gibt es alle zehn Meter und sie hängen von oben bis unten voller Zeitungen. Es ist immer lustig, morgens zuzuschauen wie die Kioskbesitzer ihre Stapel von Zeitungen und Zeitschriften auspacken und mit Wäscheklammern in Reihen an ihrem Kiosk festklammern. Vor jedem Kiosk ist grundsätzlich eine Menschentraube die, wie eben ich, neugierig liest, was die Zeitungen so zu berichten haben. Ich liebe es, mir eine Zeitung zu kaufen und dann ganz cool langsam zeitunglesend die Straße entlang zu laufen – dies erfordert allerdings, dass ich mir teilweise zwei Zeitungen pro tag kaufe. Meistens hüpfe ich dann noch zu einem Bäcker rein oder in einen Minimarket und dann heisst’s laufen, laufen, laufen, vorbei an den Glasfassaden riesiger Hochhäuser, vorbei an Geschäftsleuten und Straßenhändlern. Vor allem letztere verblüffen mich immer wieder. Was die alles verkaufen, das ist echt unglaublich. Letztens hab ich einen Typen gesehen, der Räucherstäbchen verkauft. Dann gab’s einen mit Kleiderbügeln. Und vorgestern ist mir einer über den Weg gelaufen, der ungefähr 10 Lupen in der Hand hatte. Und immer ist ausgerechnet heute eine “Special Offer” und wenn man dann noch ein Paar Socken dazunimmt kriegt man irgendeinen anderen Schrott gratis. Ich liebe es!!!” [Anmerkung von heute: Genauso ist es immernoch!!!! Santiago ist einfach ein Gefühl, man muss es selbst erleben und ganz tief eintauchen!]

Ich vor meinem Wohnhaus in Santiago, 2006

Ich vor meinem (Ex-)Wohnhaus in Santiago, 2014

06. Mai 2006: Folgendes Erlebnis hat uns diesmal in Cusco gerettet

“Über die letzte Woche kann ich leider nicht viel berichten, da ich praktisch todkrank war. Es fing an mit Husten, ging über in das Halsweh meines Lebens, inklusive Fieber, hat sich dann in Form eines wahnsinns Schnupfen in meinem Kopf breit gemacht und jetzt bin ich wieder beim Husten. Laut chilenischen Insidern ist das genau das, was allen Neuankömmlingen in dieser Stadt blüht, weil die schwächlichen Ausländer den fiesen Smog nicht gewöhnt sind. Die letzten paar Tage hat der Smog hier nämlich Rekordwerte erreicht. Normalerweise liegt er auf einer Skala zwischen 0 und 500 immer so bei 70 (obwohl ich das nicht glauben kann, wieso ist dann die Luft so schwarz?), aber am Samstag war er bei 207. Man hatte das Gefühl, man könnte die Luft anfassen, so braun war sie. Man konnte keine 10 Meter weit schauen, es war unbeschreiblich abartig. Mich fasziniert, mit welcher Gelassenheit die Leute das hinnehmen. Die fahren trotzdem Rad oder gehen joggen oder spazieren. Ich würde mich am liebsten mit einer Gasmaske irgendwo verschanzen, aber das ist natürlich nicht möglich. Ich bin also in der letzten Woche mehr oder weniger dahingesiecht und habe den Apotheken zahllose Besuche abgestattet. Den Tiefpunkt meiner Spanischsprechlaufbahn hatte ich, als ich der Apothekerin erklären wollte, dass ich “zähflüssigen Schleim” in den Bronchien habe. Wörter, die nicht zu meinem Standardvokabular gehören. Ich hab mit Händen und Füßen geredet, ich laufe immer noch rot an wenn ich an diese Peinlichkeit denke.” [Ich erinnere mich so dermaßen lebhaft an diese Peinlichkeit, als wäre sie gestern gewesen. Nie wieder werde ich vergessen, was “zähflüssiger Schleim” auf Spanisch heißt. Es ist unglaublich, wie souverän ich diesmal in Cusco in die Apotheke gelatscht bin und der dortigen Fachfrau nicht nur von zähflüssigem Schleim in den Bronchien, sondern gleich noch von meiner verstopften Nase und den Stirnhöhlenproblemen erzählt habe. Hätte ich 2006 gewusst, dass der Lerneffekt so nachhaltig ist, hätte ich die Peinlichkeit sicher besser verkraftet.]

 

2 Kommentare

  1. Die längeren Haare sehen auch total schön aus!

    • Danke! 🙂 Irgendwie gefalle ich mir mit kurzen Haaren aber besser. Aber vielleicht ist das auch nur so, weil der Anblick jetzt so ungewohnt ist!

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