Mit der Transsib in die Mongolei: Gefangen in Erlian

Im Abteil von Shopping-Brigitte und den Kimono-Amis herrschte derweil doppelt schlechte Stimmung, weil Brigittes riesiger Koffer in keines der Gepäckfächer passte und sie ihn im Bett lagern musste. Die Betten sind bequem nutzbar für Leute bis 1,65m Körpergröße – jeder, der größer ist, muss sich irgendwie zusammenfalten und mit nem Koffer im Bett ists natürlich doppelt blöd.

Tja, und dann sitzt man da und hat NICHTS zu tun. Man lauscht dem Rattern des Zuges, man lässt die Landschaft an sich vorbeiziehen, man unterhält sich, läuft zum Samowar… Und die Zeit vergeht im Flug! Es war unglaublich entspannend.

Dass nach 10h das Klopapier ausging, und es vermutlich bis Moskau kein neues geben wird, war zweitrangig. Eher ein Thema waren die winzigen Portionen im Speisewagen. Das chinesische Essen war zwar hervorragend, aber einfach viel zu wenig. Und was zusätzliches kaufen konnte man nicht. Jeder hatte Essensgutscheine für Mittag- und Abendessen und auch feste Essenszeiten zugeteilt bekommen. Ich hatte permanent Hunger. (Das wurde erst besser als an der Grenze der chinesische Speisewagen abgekoppelt und der mongolische angekoppelt wurde. Dann gab es eine richtige Karte und man konnte sich was kaufen).

Die chinesische Landschaft ist unspektakulärer. Man sieht unwahrscheinlich viele unwahrscheinlich lange Züge, viele davon mit Kohle beladen. Und viele staubige Dörfer mit Lehmhäusern und drumherum Müllberge. Keine Tiere, viele Maisfelder, ab und an eine Großstadt. Der Zug hat ein paar mal für 5 oder 10 min angehalten, und wir sind immer ausgestiegen, aber zu sehen gab es eigentlich nichts.

Im Zug selbst war es ziemlich stickig, aber der nette Schaffner hat uns tatsächlich das Fenster aufgesperrt. Der Zustand der Toilette wurde mit jedem Meter schlechter, aber der Mülleimer wurde in jeder Station geleert. Irgendwann haben wir die Betten bezogen – es gab keine Bezüge für die Kopfkissen und nur die ekligen, vermutlich seit Jahren nicht mehr gewaschenen Wolldecken, mit denen sich niemand zudecken wollte. Wir dachten, das wäre normal so. Erst als der Schaffner am nächsten Tag beim Einsammeln des Bettzeugs total ausgeflippt ist und uns beschuldigt hat, dass wir die Laken geklaut haben, hat sich rausgestellt, dass wir nur die Hälfte des Bettzeugs bekommen hatten… Zum Glück konnten wir das trotz Sprachbarriere klären, sonst hätten wir echt Ärger bekommen.

Tja, und dann rückte das gefürchtete Erlian näher. Die chinesische Grenzstadt, wo man Erzählungen zufolge stundenlang bei abgeschlossener Toilette in den Zug eingesperrt wird. Um 20.37 sollten wir dort ankommen. Es fing zunächst erfreulich an: Nachdem von unfreundlichen chinesischen Grenzern der Zug untendrunter komplett ausgeleuchtet wurde, unsere Pässe eingesammelt und die Abteile durchsucht wurden, durften wir aussteigen. Im Bahnhofsgebäude gab es einen  Supermarkt, wo es allerdings nicht wirklich das gab, was man für eine Zugfahrt brauchen könnte, und ein widerliches Stehklo. Nach einer Stunde sollten wir dann plötzlich alle wieder in den Zug. Es waren auch alle da, bloß natürlich die Amis nicht, die mal wieder nichts kapiert hatten. Also sind Brigitte + Ehemann und ich zurück zum Bahnhofsgebäude, um sie zu suchen. Die beiden saßen seelenruhig da und haben ein Eis gegessen. Als wir das Bahnhofsgebäude wieder verlassen wollten, hat der Grenzer uns vor unserer Nase die Türe zugesperrt und der Zug fuhr davon. Ich wusste schon, dass er nur zum Umbau der Räder fährt, weil die Mongolei die russische Spurbreite verwendet, aber der Gedanke, 2 Stunden in einem Bahnhofsgebäude eingesperrt zu sein war nicht so toll. Zu allem Überfluss ist der Ami auch noch total ausgeflippt und auf die chinesischen Grenzer losgegangen. Er dachte echt, der Zug wäre ohne uns weitergefahren. Mit den Chinesen ist ja nicht zu spaßen, also hab ich mal lieber so getan als ob ich ihn nicht kenne. Ich dachte, die verhaften uns gleich alle.

Unterdessen (es war inzwischen fast Mitternacht) hat sich das Bahnhofsgebäude immer mehr gefüllt. Eingequetscht standen wir zwischen dicken Chinesen, die Wassermelonen und Kirschen dabei hatten, und kleinen Kindern mit unglaublich angefaulten Zähnen. Ich konnte vor Müdigkeit kaum mehr stehen. Und dann, endlich, endlich kam unser Zug wieder. Mit zugeschlossenen Toiletten und vielen Menschen, die dringend aufs Klo mussten. Wir bekamen unsere Pässe wieder und weiter ging die Fahrt – zum nächsten Alptraum: mongolische Grenze.

Hier muss ich leider für heute aufhören. Morgen geht es in aller Herrgottsfrühe auf zum Jurtencamp. 300 km durch die Steppe in drei Jeeps (wir wechseln jeden Tag die Besetzung damit jeder mal mit den Amis im Jeep sitzen muss). Ich befürchte, für die nächsten 10 Tage verschwinde ich nun in der internetlosen mongolischen Steppe. Aber danach dürft ihr Euch auf weitere Berichte und die Transsib-Fortsetzung freuen! Gute Nacht!

3 Kommentare

  1. So jetzt hoffentlich mit unverzerrten Bildern 😉

  2. DANKE;-) habe mir auch Mühe gegeben.

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