Transsib Teil 3

Es ist 21 Uhr abends (14. Juni) und ich sitze eingekuschelt in einer mongolischen Jurte. Außen pfeift der Wind, die Toilette befindet sich (gefühlt) einen Gewaltmarsch entfernt, und mir tun von der heutigen 300 km Jeep-Fahrt über nichtvorhandene Straßen alle Knochen weh. Aber weiter in der Chronologie und zurück zur Transsibirischen Eisenbahn. 

Nachdem wir die chinesische Grenze erfolgreich hinter uns gebracht hatten (ein mittleres Problem war übrigens Doris’ mitgebrachter Roman über Karl den Großen, den die Chinesen ganz genau unter die Lupe nahmen; ich dachte schon, sie würden ihn ihr wegnehmen) rollte unser Zug gegen halb 1 Uhr nachts weiter durch die Dunkelheit Richtung Mongolei. Die Toilette wurde für ca. 10 min aufgesperrt, dann Stillstand. Die mongolischen Grenzer betraten den Zug, mit Hunden und einem autoritären Gesichtsausdruck. Erneut wurden die Pässe eingesammelt, jeder musste in seinem Abteil bleiben. Außen stockfinstere Nacht. Das Tuten von Zügen. Schienengeräusche, Metall auf Metall. Es war gespenstisch. Warten, sich krampfhaft wachhalten. Nach einer halben Ewigkeit wurden uns die Pässe wieder ausgehändigt. Es ruckelt, alles schwankt. Vermutlich der Restaurantwagon, der angekoppelt wurde. Wir liegen im stockdunklen Abteil und spüren und lauschen. Wirklich gruselig.

Um 1.40 sollte unser Zug weiterfahren, was klogehtechnisch günstig gewesen wäre. Aber nichts passierte. Ich hatte vor Müdigkeit rasende Kopfschmerzen. Und mir war eisig kalt, aufgrund der nicht vorhandenen Bettlaken. Zum Glück hatte ich meinen Hüttenschlafsack griffbereit, was aber nicht ausreichte, so dass ich mich mit meinen Klamotten zudeckte. Warten, warten, warten. Gegen 3 Uhr war für Doris, Raimund und mich schließlich die klogehtechnische Schmerzgrenze erreicht. Es half alles nichts. Wir mussten beim Schaffner von unserer Misere berichten. Wir mussten aufs Klo.  In einem Bahnhof. Bei Stillstand des Zuges. Und das Wunder geschah. Nach einer Minute Bedenkzeit sperrte uns der Schaffner auf (wahrscheinlich ist es dem chinesischen Schaffner egal ob in der Mongolei die Bahnhöfe vollgepinkelt werden oder nicht). Ich war so erleichtert!!!!! Das Ganze war echt die Härte.

Und irgendwann, mit über einer Stunde Verspätung, fuhr der Zug dann wieder los. Mit dem Geruch von Kohle in der Nase (hier werden viele Züge noch mit Kohle angetrieben) versuchte ich einzuschlafen. Leider hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt so lange wach gehalten dass  ich überhaupt nicht mehr einschlafen konnte. Auch das Rattern des Zuges half da nichts, irgendwie hat mein Gleichgewichtssinn überhaupt nicht zuordnen können, in weiche Richtung wir uns bewegen. So lag ich also wach und lauschte dem tschack-tschack-tschack der Schienen.

Papierunterhosen-Erika und Ehemann standen pünktlich um 7 auf und saßen schließlich Muffins-frühstückend auf ihrem Bett, genau gegenüber von meinem, und starrten mich zwangsläufig an. Also bin ich auch wieder aufgestanden. Die restliche Zugfahrt verbrachte ich mehr oder weniger im Delirium. Ich glaube, ich war nie vorher so lange an einem Stück wach. Aber das Frühstück im mongolischen Speisewagen war super. Toast mit Ei, und draußen nichts als Jurten und Steppe.

Und was war jetzt so toll an der Transsib? Man hat Zeit. Unendlich viel Zeit. Alle sitzen in einem Boot. Keiner stresst rum. Es ist supergemütlich, im Abteil zu sitzen und sich zu unterhalten. Wir haben Tränen zusammen gelacht. Man sieht schöne Landschaft. Das Leben im Zug hat einen ganz anderen Rhythmus.  Man muss sich einfach drauf einlassen – die Transsib ist ein Gefühl. Im Moment träume ich von einer Reise zum Baikalsee. Mit viel mehr Zug als nur 30 Stunden.

Gegen 14 Uhr – nachdem wir stundenlang durch die mongolische Steppe gefahren waren und einen Teil der dort lebenden 50 Millionen Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde bestaunt haben, näherten wie uns schließlich Ulan-Bator. Mit vielen kleinen, bunten Häuschen und dazwischen Unmengen von Jurten wartete die Hauptstadt der Mongolei auf, geklebt an die Hänge von sanften grünen Hügeln. Und dann waren wir da, Ulan-Bator Hauptbahnhof – Welcome to Mongolia!

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