Die ersten Meter: Mit der Transsibirischen Eisenbahn von Peking nach Ulan-Bator

Ich grüße Euch aus Ulan-Bator! Allerdings noch nicht aus einer Jurte, sondern aus dem 8. Stock eines Hotels, von wo aus ich dem nicht enden wollenden Stau beobachte, der hier 24 Stunden täglich die Straßen verstopft. Das Lieblingsauto der Mongolen ist Mercedes, ansonsten gibt es sehr viele Toyota, und bei der Hälfte der Autos ist das Lenkrad links, bei der anderen Hälfte rechts. Ich bin immer noch fasziniert davon, dass in dieser Großstadt in jede noch so winzige Ecke eine Jurte gequetscht wurde. Jeder Mongole bekommt vom Staat 10 Hektar Land geschenkt, und manche haben eben nicht die Steppe, sondern ein Stück Ulan-Bator auserkoren, um sich niederzulassen. Jedes Jurtengrundstück hier in der Stadt (inmitten zwischen Häusern) ist sorgsam umzäunt. Als Toilette dient ein Loch im Boden mit Brettern drüber, das Wasser muss von Brunnen herbeigeschafft werden. In der Steppe mag das ja ok sein, aber in der Stadt mutet das doch ziemlich krass an… Aber ich fange lieber ganz vorne an mit dem erzählen. Denn: Es hat uns ja die Transsib hergebracht. Was für ein Abenteuer (das nach baldigster Wiederholung schreit!).

Um 6.15 Uhr wurden wir am Mittwoch abgeholt und zu einem der vier Pekinger Bahnhöfe gebracht. Vor dem Bahnhof befanden sich unglaublich viele Menschen, es gab permanent Durchsagen auf chinesisch und das große Display mit den gefühlt hunderten Abfahrten war ebenfalls nur auf chinesisch. Als Nicht-Chinese hier seinen Zug zu finden ist nahezu unmöglich. Von jedem Passagier wurde dann das Gepäck durchleuchtet (vermutlich wurden wie immer Feuerzeuge gesucht; Chinesen scheinen panische Angst davor zu haben, überall sind sie verboten), dann musste man selbst noch einen Metalldetektor über sich ergehen lassen und stand dann schließlich mir Millionen anderen Menschen in dem gigantischen Bahnhof. Es war unmöglich in einem der zahlreichen und durchnummerierten Warteräume einen Sitzplatz zu ergattern, stattdessen sahen wir uns mit sehr aufdringlichen Bettlern konfrontiert.

Innerhalb unserer Gruppe ging dann die Diskussion los, wer mit den peinlichen Kimono-Amerikanern in einem Abteil schlafen muss. Das war für jeden von uns eine alptraumhafte Vorstellung. Der Ami (Richard, aber wir nennen ihn heimlich Joe, damit er nicht merkt, dass wir über ihn reden) hat seit Beginn der Reise zwei verschiedene Socken an, einen langen (schwarz) und einen kurzen (blau). Wir rätseln seit Tagen was mit dem nicht stimmt. Unsere militärisch gedrillte chinesische Reiseleiterin (die wir gottseidank in Peking zurückließen) hat schließlich bestimmt, dass Shopping-Brigitte plus Ehemann mit den Amis in ein Abteil mussten. Ich bin mit drei Schwaben in einem Abteil gelandet (mir hän also Glick ghäd): Erika (die Papierunterhosen trägt und diese abends immer wegwirft und vorhin im Bus allen Ernstes die Hose ausgezogen hat, damit sich jeder ein Bild von den Unterhosen machen kann), ihr Mann Kurt (genannt Coco) und Doris.

40 Minuten vor Abfahrt des Zuges durften wir (also nur die Leute, die Eintrittskarten für diesen Zug hatten) den Warteraum verlassen und uns zum Bahnsteig begeben. Das ganze ging unheimlich gesittet zu, nicht so wie an deutschen Bahnsteigen, wo jeder mit seinem Gepäck drängelt und jeder der erste sein will. Bei der Transsib darf man sowieso nur in “seinen” Wagon einsteigen. Wir hatten Wagon 8. Langsam liefen wir also die Treppe zum Bahnsteig runter, und da stand sie wirklich! Die transsibirische Eisenbahn!!!! Ein ellenlanger Zug Ich hätte heulen können vor Begeisterung. Neben jedem Wagon standen die 2 dafür zuständigen Schaffner (überraschenderweise alles Männer) in ihrer Uniform. Und dann duften wir einsteigen!

Als erstes im Wagon befindet sich der Samowar, wo (über offener Flamme) stets warmes Wasser zur Verfügung steht. Gegenüber ist die Kabine der Schaffner sowie deren Waschraum. Dann kommen 6 Kabinen mit jeweils vier Betten und am Ende des Wagons ist die Toilette und gegenüber ein Mülleimer. Die Toilette war ehrlichgesagt schlechter als erwartet. Neben der Schüssel ist ein Loch im Boden, wodurch man perfekt die Räder des Zuges sehen kann. Die Toilette selbst wird direkt auf die Gleise entleert, weshalb sie wann immer der Zug steht zugesperrt wird. Es gab genau eine Klorolle und ein Stück Seife.

Das Ganze ist anfangs ziemlich beengt (man kommt im Gang gerade so aneinander vorbei), aber man gewöhnt sich schnell dran. Im Abteil gibt es einen Tisch, eine Teekanne, zwei Schüsseln (wofür auch immer – man könnte sie theoretisch, wenn an der Grenze stundenlang das Klo zugesperrt ist als Bettpfanne benutzen…), ein Gepäckfach über den oberen Betten und unter den unteren Betten, einen Ventilator und über jedem Bett ein Leselicht. Das Fenster kann man nicht öffnen, es ist mit 8 Spezialschrauben verschlossen, und auch im Gang konnte man nur jedes 3. Fenster öffnen. Der Schaffner hat uns dann noch Decken und Bettzeug gebracht. Man konnte dann ohne Weiteres wieder aussteigen und noch ein paar Fotos machen. Der Schaffner weiß genau, wer in seinem Waggon mitfährt, da braucht man keine Angst haben, zurückgelassen zu werden.

Und dann, Punkt 08.05 Uhr, ganz ohne Pfiff oder sonstige Ankündigung, fuhr sie los… Und das tschack-tschack-tschack der Räder hat uns die nächsten 30 Stunden begleitet. (Ich vermisse sie jetzt schon, die gute alte Transsib)!

Ein Kommentar

  1. erinnert mich an ne Mischung aus meinen Zugfahrt zwischen Helsinki / St. Petersburg und St. Petersburg / Moskau. Obwohl ich beide Fahrten freiwillig nicht nochmal machen würde, aber Trassib steht auch auf der bucket list und wenn es Abteile gibt, ist doch schon mal klasse, gabs im Nachtzug nach Moskau nicht, dafür war der Samowar etwas moderner 😉

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