Huh! Da hat wieder jemand ein Buch über Island geschrieben!
Thilo Mischke mit “Huh! Die Isländer, die Elfen und ich”

Es hat (mal wieder) jemand ein Buch über Island geschrieben. Thilo Mischke, 1981 geboren, Journalist, Autor und Moderator. Etwa 20x, so behauptet er, war er bereits in Island; allerdings nie länger als zwei Wochen. Sein Insiderwissen über Land und Leute hat er nun in dem Buch “Huh! Die Isländer, die Elfen und ich” zu Papier gebracht. Was ich da lesen musste, ließ mich teilweise die Stirn runzeln. Ich war zwar “nur” fünfmal in Island, kann aber einigen der in “Huh” aufgestellten Behauptungen so gar nicht zustimmen. Das trübt leider auch die lustigen und interessanten Anekdoten vom Rest des Buches.

 

#1: Die Verlegung des Polarkreises

Als ich 2010 zum ersten Mal in Island war, bin ich unter anderem nach Husavik gefahren, einem kleinen Fischerdorf im Norden der Insel. Dort war ich völlig fasziniert, denn das war der nördlichste Punkt, den ich bis dato in meinem Leben betreten hatte. Ich bin dann sogar noch einige Kilometer weiter nach Norden gefahren, die Tjörnes-Halbinsel entlang, um noch mehr “Nord-Feeling” zu verspüren. Aber eines wusste ich sicher: Den Polarkreis würde ich nicht erreichen. Denn der liegt noch etwa 25 Kilometer weiter nördlich vom Festland entfernt im Meer.

Husavik

Beim Lesen von “Huh!” habe ich mich deshalb gewundert, warum Thilo Mischke sowohl im Text als auch in der Islandkarte, die sich auf der Innenumschlagseite befindet, den Polarkreis mitten durch Husavik verlegt hat. Ich weiß, dass sich Längen- und Breitengrade durch die Neigung der Erdachse langsam verändern. Aber dass der Arctic Circle gleich um 58 (!) Kilometer nach Husavik verrutscht sein soll, kommt mir doch etwas unglaubwürdig vor. Ich habe selbstverständlich gegoogelt. Das Internet behauptet weiterhin stoisch, dass der Polarkreis 25 Kilometer nördlich der Küste Islands verläuft. Da, wo er auch schon 2010 war, als ich in Husavik stand.

#2: Die Abwertung des Nordens

Strand bei Vik

Thilo Mischke berichtet (ich übertreibe) auf nahezu jeder fünften Seite vom Städtchen Vik und dass es da so schön sei. Vik ist in der Tat ein landschaftlich schönes Fleckchen. Ich habe mal ein Foto von 2016 herausgesucht, das in der Nähe von Vik entstanden ist. So wie der Autor es beschreibt, scheint er einen Großteil seiner Islandaufenthalte in Vik verbracht zu haben, was offensichtlich zulasten anderer landschaftlicher Sternstunden ging. Ist ja schön und gut, denn wo es einem gefällt ist ja schließlich Geschmackssache. Aber deshalb vom Norden Islands zu behaupten, er wäre leer und langweilig, (“Zart klopft die Langeweile während der stundenlangen Autofahrten an. Und ein schlechtes Gewissen. Denn niemand traut sich, Island langweilig zu finden”, S. 139), das ist stark. Ich stelle mal meine Sicht der Dinge klar:

Hverir in Island (es ist und bleibt mein Lieblingsland)

Im Norden Islands gibt es das spektakulärste Stück Erde, das mir jemals auf meinen Reisen begegnet ist. Der Myvatn, mehr Pfütze als See, der aber so viel zu bieten hat, dass man dort Tage verbringen kann:

  • Das Lavafeld Dimmuborgir – hier kann man stundenlang zwischen verwunschen wirkenden Lavaformationen hindurchwandern.
  • Die Krafla, ein aktiver Vulkan, auf dessem heißen Erdboden man auf eigene Gefahr herumspazieren kann.
  • Hverir, ein kochendes Feld mit vielen brodelnden und stinkenden Schlammtöpfen.
  • Höfdi, eine Art verwunschenes Gärtchen direkt am See.
  • Ein cooles Pseudokraterfeld
  • Die Myvatn-Baths, ein Schwimmbad ähnlich der Blauen Lagune (aber billiger).
  • Der Hverfjall, ein toller Vulkankrater, um den man in einem ca. einstündigen Fußmarsch einmal herumlaufen kann. Von dort hat man eine grandiose Aussicht auf das Umland.
  • Etwas weiter weg: Der Dettifoss, der leistungsstärkste Wasserfall Europas.
  • Und ansonsten, wie immer in Island: Viel spektakuläre Landschaft.

Nein, der Norden ist nicht langweilig. Gar nicht. Überhaupt nicht. Und es ist sehr, sehr schade, so etwas zu behaupten.

#3: Die Behauptung, Polarlichter wären Photoshop

Dieses Bild ist zwar in Norwegen entstanden. Zu sehen waren aber auch dort mehr als nur “Schlieren am Himmel”.

Tja, und dann kam das Kapitel über die Polarlichter. Das hat mich fast ein bisschen geärgert. In über zehn Jahren Island hat Thilo Mischke dort nur zwei Mal Polarlichter gesehen. Das bringt ihn dazu zu behaupten, dass sie “viel unauffälliger sind” als er dachte, und man sie nur mit Glück in Dimension eines Lottogewinns zu Gesicht bekommt. Ich hab da einen kleinen Tipp: Wer immer im Sommer nach Island fährt, der wird’s schwer haben mit den Polarlichtern. Meine Quote: 2x im März dortgewesen, in 100% dieser Urlaube Polarlichter gesehen. Ohne Probleme, einfach vor Ort, ohne “auf Jagd” gegangen zu sein.

Und jetzt kommt der bedrückende Oberhammer. Ich zitiere: “So aufregend sind sie dann doch nicht, die Schlieren am Nachthimmel (…). Ich weiß, ich zerstöre Illusionen und Träume, indem ich ihre Magie herunterspiele. Aber das ist nun mal die Wahrheit über Polarlichter. (…) Bei den Fotos, den Videos, die wir überall sehen, auf den Katalogen und Websites der Bustouren und der Reiseanbieter, wird geschummelt. Mit Langzeitbelichtung und Zeitraffer. Es sieht schön aus. Aber es entspricht nicht der Wahrheit.” (S. 152ff)

Polarlichter am Myvatn

Ich muss das jetzt drastisch ausdrücken: Diese Aussage ist Schrott. Großer Schrott! Es tut mir leid, wenn die bisherigen Polarlichterfahrungen des Autors kläglich ausgefallen sind. Aber von diesen Erfahrungen darauf zu schließen, dass Polarlicht-Impressionen grundsätzlich entweder enttäuschend oder gefaked sind, ist schlichtweg falsch und auch unfair gegenüber allen, die sich auf tolle Polarlicht-Eindrücke freuen. Polarlichter zu sehen, richtige Polarlichter, nicht die “Schlieren am Himmel”, ist ein immens beeindruckendes, traumhaftes und intensives Erlebnis – und nicht die Enttäuschung, die hier in den Raum gestellt wird. Oft sehen sie mit bloßem Auge sogar schöner, grüner, intensiver aus als auf den laienhaften Fotos, die der durchschnittliche Urlauber zustande bringt. Hier noch ein Tipp von mir: Im Winter zum Myvatn fahren. Und dann das Polarlicht-Kapitel vielleicht nochmal überdenken.

Fazit: Für Kenner ok, für Laien eher nicht

Noch ein weiterer Kritikpunkt: Warum muss man sich bitte auf jedem Foto im Innenteil des Buches mit einer Zigarette ablichten lassen? Ist das cool? Ist das cool in einem Buch über ein Land, das sich hauptsächlich durch tolle Natur und gute Luft auszeichnet? Und da hat man immer die Kippe in der Hand? Also ich weiß ja nicht.

Fairerweise muss ich erwähnen, dass das Buch trotzdem viele interessante Anekdoten über Land und Leute beinhaltet. Toll sind auch einzelne isländische Märchen und Sagen, die der Autor wiedergibt. Und ich musste wirklich oft lachen, denn in Vielem hat Thilo Mischke auch echt recht. Insgesamt war ich mir beim Lesen aber nicht sicher, ob er das Land wirklich so gut kennt, wie er behauptet. Island-Kenner können das Buch also durchaus lesen, ihre eigenen Erfahrungen mit den darin beschriebenen vergleichen und dabei noch Neues lernen. Island-Neulingen rate ich von der Lektüre eher ab, dafür ist so manches dann doch zu einseitig beschrieben.

Das Beste am Buch war übrigens, dass es mich zu einer weiteren Island-Reise inspiriert hat und ich meinen Island Urlaub Nr. 6, der irgendwann 2018 stattfinden wird, schon komplett durchgeplant habe. 🙂

Ein Dank geht wieder an den Ullstein-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!


Thilo Mischke
Huh! Die Isländer, die Elfen und ich: Unterwegs in einem sagenhaften Land
16. Juni 2017
Ullstein-Verlag
304 Seiten
ISBN: 978-3864930522
14,99 Euro

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