Mitten ins Mittelalter (Tallinn, Estland)

Tallinn – ich bin begeistert!! So eine schöne Stadt! Und das ist jetzt auch irgendwie lustig. In Bezug auf Finnland hatte uns jeder gewarnt: “Da sind Mücken!”. Wir fahren also hin und stellen überrascht fest: “Oh, da sind Mücken!”. Bei Tallinn hatte uns jeder vorgeschwärmt was das für ein schönes mittelalterliches Städtchen ist. Und was stellen wir total überrascht fest? Tallinn ist ein superschönes, mittelalterliches Städtchen!!!!!

Aber immer schön der Reihe nach. Am Flughafen in Kuusamo haben wir festgestellt wie sehr uns nach acht Tagen Einsamkeit andere Menschen auf die Nerven gehen. Geradezu rücksichtslos kamen uns die Leute in der Wartehalle, im Flugzeug und im Shuttle-Bus vor. In Nullkommanix haben wir uns zurück in die moskitobesetzten finnischen Wälder gewünscht, in unsere komfortlosen Mini-Hütten und die kalten Einöden Norwegens. Vielleicht sind die Bewohner des Nordkapps gar nicht so verrückt wie ich dachte, sondern eher verdammt klug.

Im Hotel angekommen habe ich meine Nase erstmal in meinen Rucksack gehängt. Denn darin riecht alles nach Wald, Wildnis und Feuer. Trotz des erst so kurzen Abstands ein Geruch voller Nostalgie. Allerdings haben wir auch festgestellt dass wir unseren Mitmenschen diese Gerüche nicht unbedingt zumuten sollten. Im Hard Rock Café haben wir deshalb die ersten sauberen T-Shirts seit gefühlt Wochen erstanden. Darin hatten wir so ziemlich das Gefühl als wären wir ganz furchtbar schick angezogen. Derartig aufgedonnert haben wir uns erfolgreich in ein A-la-carte-Restaurant gewagt. Dazu muss man wissen dass die Finnen begeisterte Buffet-Esser sind. Selbstbedienung ist der Renner. Dabei schleppen die Finnen sowas von routiniert vollbeladene Tabletts durch die Gegend, dieses Balancier-Defizit kann der Deutsche nie mehr aufholen. Ein A-la-carte-Restaurant ist also was ganz Besonderes – und für uns nach 8 Tagen Fertigmahlzeiten gleich doppelt…

In aller Herrgottsfrühe gings dann heute für uns zum Terminal der Viking Line. Unsere Überfahrt nach Tallinn stand auf dem Programm. Mit einem für die kurze Strecke (80km, knapp 3 Stunden Fahrt) unglaublich riesigen Schiff, der Gabriella. Bekanntweise begegnet man sich ja immer zweimal im Leben: Mit genau diesem Schiff bin ich 2009 von Stockholm nach Helsinki gefahren. Woran ich mich nicht erinnern konnte: Jeder freie Quadratzentimeter auf diesem Schiff ist mit Spielautomaten zugepflastert. Man hört ja immer wieder mal dass Spielsucht in Finnland ein Problem ist, und die Dinger stehen auch wirklich überall (in jedem Supermarkt, in Tankstellen usw.), aber auf dem Schiff, das war schon der Hammer. Wir haben eine Familie nach der anderen beobachtet wie sie ihre (ca. zehnjährigen) Kinder (verbotenerweise) an den Automaten spielen ließen. Erziehung zum Geld-Verballern, echt erschreckend.

Übrigens hätten wir locker 10kg Sprengstoff an Bord nehmen können, kein Schwein hat auch nur ansatzweise das Gepäck kontrolliert. Aber bei jedem noch so kleinen Inlandsflug die Flüssigkeiten kontrollieren – wer soll das verstehen.

Die Überfahrt war recht kurzweilig (obwohl die Fähre für so ein großes Schiff ungewöhnlich stark geschwankt hat und es draußen so windig war dass ich mich kaum auf den Beinen halten konnte), und schon waren wir in Tallinn angekommen. Oder besser: In Helsinki-Süd. Denn so nennen die Bewohner Helsinkis scherzhaft die Nachbarstadt.

Ein immens mürrischer Taxifahrer (Taxi auf estnisch = Takso, wie süß!) hat uns im dichten Regen in Empfang genommen. Er hatte Sandalen mit Socken an, und hat es offensichtlich nicht gepackt dass er jetzt wegen uns bei diesem Wetter aussteigen und durch die Pfützen schlappen muss. Als wir ihm beim Aussteigen trotzdem 2 Euro Trinkgeld gegeben haben ist er auf einmal total aufgetaut – das bekannte Phänomen bezüglich älterer Bewohner (ehemals) sozialistischer Länder (Kuba!). Dass beim nächsten Mal das Trinkgeld vielleicht üppiger ausfällt wenn er gleich freundlich ist wird er vermutlich nie einsehen.

Mit dem Taxi gings dann also hinein in das mittelalterliche Schnuckel-Städtchen. Es erinnert mich irgendwie an Rothenburg ob der Tauber, aber auch irgendwie an Landshut und Augsburg. Es ist einfach alles auf Mittelalter getrimmt, überall stehen mittelalterlich verkleidete Menschen herum, es gibt mittelalterliche Restaurants und Musiker mit mittelalterlichen Instrumenten. Klar, irgendwie auch kitschig, aber hauptsächlich immens cool. Die Talliner verstehen es hervorragend, ihre Stadt zu vermarkten, es gibt eine Menge hochwertiger Souvenirs (nicht diesen Standardramsch) und individuelle Läden, und: estnisches Essen an jeder Ecke. Endlich mal ein Land, das einheimische Kost offensiv anbietet. Ich finds super. Sehr lustig außerdem: Sobald ein Regenschauer kommt werfen sich ALLE in so durchsichtige Regenponchos mit Kapuze – die ganze Stadt sieht dann so aus als wäre sie von Gartenzwergen besiedelt.

Wir habens erstmal langsam angehen lassen und uns in einem Café niedergelassen. Bei einem Stück Käsekuchen, der geschmeckt hat wie ein einziges riesiges Butterplätzchen. Da waren wir wieder angekommen im (nicht vorhandenen) russischen Serviceniceau. Genau wie in St. Petersburg klappt in den Restaurants und Cafés einfach gar nichts. Aber immerhin spricht hier jeder Englisch, man kann also reklamieren.

Jetzt sitzen wir gerade im Hotel. Vier Sterne für billigstes Geld, mitten in der Altstadt. Das Hotel ist ausgebucht weshalb wir ein Upgrade auf ein “De-luxe-Zimmer” (!!!) bekommen haben. Mit Sauna! Der Lars ist also fleißig am Saunieren, während ich das Traditionsprogramm für den morgigen Tag zusammenstelle. Jaja, ihr habts erraten. Die Hop-on-hop-off Bustour!

Kuriosum 1:
Die Autos haben hier weder vorne noch hinten auf den Nummernschildern irgendwelche Plaketten o.Ä.

Kuriosum 2:
Im Supermarkt (oh Gott waren wir auf dieser Reise oft in Supermärkten!!!) wird der Durchmesser des Obstes angegeben. Ich habe heute Nektarinen mit einem Durchmesser zwischen 67 und 73mm gekauft. Aha!

No-Go:
Laut Rezeption kann man das Leitungswasser trinken. Nach einem Schluck habe ich mich dagegen entschieden. Obwohl: Den Wasserfilter haben wir jetzt drei Wochen lang ungenutzt mit uns rumgeschleppt. Vielleicht ist seine große Stunde nun endlich gekommen.

2 Kommentare

  1. klasse beschrieben! Bin mal wieder – wie jeden Tag – innerlich mitgereist.
    Hier:
    http://www.eenet.ee/EENet/kaamerad.html
    guck ich übrigens täglich, was die Natur in Estland bietet, und nach Käsmu würd ich zu gerne reisen! Fahrt mal dahin + winkt mir in die kamera! *ggg* da ist nächstes WE folk-Festival!
    LG Beate

    • Danke, Danke, Danke! Leider geht’s für uns morgen schon wieder nach hause – aber Estland hats bei uns auf die Liste der potenziellen Länder geschafft, in die man irgendwann mal auswandern könnte. 😉
      Auch wenn diese Reise vorbei ist – bleib einfach bei unserem Blog dabei, wir wagen uns regelmäßig auf irgendwelche verrückten Reisen.
      Ganz liebe Grüße von Suzy und Lars

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