Kuba – Zwischen Abenteuer und Realität

Karibik, Kommunismus, Salsa. So in etwa fasste ich Kuba in meinem Kopf zusammen, als mein Freund Lars und ich den Inselstaat als unser nächstes Reiseziel festlegten. Zwar kannten wir nicht Wenige, die bereits den langen Flug dorthin gewagt hatten. Jedoch hatten diese das Land fast ausschließlich im Rahmen von geführten Touren bereist oder dort einen reinen Strandurlaub verbracht. Wir aber wollten Kuba auf eigene Faust erkunden. Als ich einige Monate später in der Provinzhauptstadt Matanzas über den Hauptplatz lief, um auf Anraten unseres Hotels jemanden anzuheuern, der für ein paar Pesos einige Stunden auf unseren Mietwagen aufpassen würde, hatte sich das Kuba-Bild in meinem Kopf bereits gewaltig verändert. Aber alles schön der Reihe nach.

Kuba hat in etwa ein Drittel der Größe Deutschlands, sollte also unserer Einschätzung zufolge gut innerhalb von drei Wochen mit dem Mietwagen zu bereisen sein. Start- und Endpunkt unserer Route war Havanna; die von uns geplanten Tagesetappen lagen bei ca. 250 Kilometern. Flüge, Mietwagen und diverse Unterkünfte reservierten wir problemlos über das Internet. Auch die Ausstellung der Touristenkarten, einer Art Einreisevisum, funktionierte anstandslos. Einige Wochen mussten wir noch warten – dann ging es von München über Toronto nach Havanna.

Spätnachts landeten wir in der Zweimillionenstadt, wo uns ein Taxifahrer bei tropischer Hitze ungeachtet aller Verkehrs- und Geschwindigkeitsregeln durch leere Straßen zu unserem Hotel fuhr. Unser erster Eindruck von Havanna war ein Schock. Zwar gibt es einige Plätze, die aufwändig renoviert durchaus das vielzitierte Flair dieser Stadt versprühen. Ihr weitaus größerer Teil war jedoch unglaublich heruntergekommen. Fensterhohe Löcher in den Hausmauern waren notdürftig mit Plastikplanen abgedeckt, die Balkone vieler Häuser waren abgebrochen, die Fassaden marode. Jede noch so zerfallene Ruine schien bewohnt zu sein. Bis zu badewannengroße Löcher in der Straße erschwerten das Vorankommen aller Verkehrsteilnehmer. Dazwischen die berühmten kubanischen Oldtimer, die meisten davon nicht viel mehr als Rostlauben ohne Scheibenwischer, Blinker und Außenspiegel. Wir stellten betroffen fest, dass in unseren Köpfen diese Oldtimer ein Highlight Kubas sind – für die Einheimischen sind diese jedoch kaum mehr als traurige Realität in Ermangelung von Alternativen.

Autobahn und Pferdefuhrwerke

Zwei Tage lang erkundeten wir Havanna, wovon mich der Friedhof mit seinen zahlreichen weißen, palastartigen Gräbern, und der riesige, leere Platz der Revolution mit den überdimensionalen Abbildern von Che Guevara und Camilo Cienfuegos am meisten beeindruckten. Danach hieß es, den Mietwagen in Empfang zu nehmen. Wir erhielten einen Hyundai Accent in knalligem dunkelblau, an dem die Seitenblinker fehlten, die Räder dafür mit Sicherheitsschrauben verankert waren. Bereits als wir die ersten Meter in unserem neuen Gefährt zurücklegten klopften Menschen an die Scheiben, um mitfahren zu dürfen. Öffentliche Verkehrsmittel sind in Kuba, insbesondere außerhalb der Großstädte, rar. Meist dienen private LKWs als Ersatz und befördern die Menschen auf ihren Ladeflächen für ein paar Pesos von A nach B. Da diese jedoch Mangelware sind und keinem festen Fahrplan folgen, stehen überall im Land Menschentrauben am Straßenrand, die auf Beförderung hoffen.

Navigationssysteme sind in Kuba verboten, und auf Beschilderung und Kilometerangaben – sofern vorhanden – ist kaum Verlass. Deshalb hatten wir zunächst einige Schwierigkeiten, unsere Route zu finden. Als wir an einer roten Ampel einen Passanten nach dem Weg fragten, saß dieser schneller auf der Rückbank unseres Autos als wir schauen konnten. Gegen einen kleinen Obulus wollte er uns zum Ortsausgang von Havanna lotsen. Nachdem wir etwa eine halbe Stunde lang kreuz und quer durch die Stadt gefahren waren, sollten wir auf einmal anhalten, ein paar Männer traten aus dem Gebüsch, umzingelten unser Auto, und unser Lotse forderte 50 Pesos (in etwa 50 Dollar) für seine Dienste. Die Situation endete zum Glück glimpflich und wir konnten die Forderung auf 20 Pesos herunterhandeln (dies entspricht dem durchschnittlichen Monatsgehalt in Kuba), ein ungutes Gefühl blieb dennoch zurück.

Das Autofahren selbst ist, je nach Zustand der Straßen, mehr oder weniger entspannt. Relativ problemlos voran kommt man auf der sechsspurigen (!) Autobahn. Diese durchquert das Land von Havanna aus in Richtung Osten und kann, verglichen mit dem Rest des Landes, als wahrer Prachtbau gelten. Autos fahren darauf wenige, dafür gibt es umso mehr Fahrradfahrer, Pferdefuhrwerke, Fußgänger und Händler, die an Ort und Stelle ihre Waren anbieten. Leider wurde die Autobahn nie fertiggestellt, was für den erstaunten Fahrer bedeutet, dass plötzlich Verkehr und Gegenverkehr auf drei Fahrspuren zusammengeleitet werden und zahlreiche Schilder am Straßenrand darüber Auskunft geben, wie viele Menschen in den vergangenen Monaten bei Frontalzusammenstößen ums Leben kamen. Außerhalb der Autobahn ist ein Fortkommen mit recht viel mehr als 50 Stundenkilometern häufig schier unmöglich.

Logistische Herausforderungen

Neben den schlechten Straßen und den ständigen Versuchen der Bevölkerung, uns, unser Hab und Gut oder unser Auto zu erobern (um es dann gegen eine kleine Geldspende wieder freizugeben…), war unsere größte Herausforderung die Nahrungsmittelversorgung. Läden gab es nur wenige, so dass die Tankstellen unterwegs oft unsere einzige Möglichkeit darstellten, an Wasser und Nahrung zu kommen. Ob wir tatsächlich etwas Essbares ergatterten oder nicht, hing jedoch stark davon ab, ob die Tankstellenangestellten gerade in Stimmung waren, etwas zu verkaufen, oder nicht. Waren sie nicht in Stimmung, halfen auch energische Aufforderungen nichts – wir mussten mit leeren Händen das Feld räumen. Zusammen mit der 24 Stunden täglich gleichbleibenden, drückenden Hitze machten uns diese Rahmenbedingungen ganz schön zu schaffen.

Unsere Reise führte uns unter anderem zur Schweinebucht, an der lediglich ein paar Steinmauern mit sozialistischen Parolen, wie sie im ganzen Land zu finden sind, an die Ereignisse von 1961 erinnerten. Wir fuhren vorbei an Bananenplantagen, Tabak- und Zuckerrohrfeldern nach Cienfuegos, der sechstgrößten Stadt Kubas, deren Stadtzentrum zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt wurde. Wir machten einige Tage Station in Trinidad, einer Stadt, die durch den Zuckerrohranbau einst reich gewesen war, und in Santa Clara standen wir ehrfürchtig vor dem Mausoleum Che Guevaras. Ein besonderer Höhepunkt bei all diesen Aufenthalten waren dabei die Paladares: privat geführte, kleine Restaurants. Seit einiger Zeit ist es Kubanern erlaubt, sich auf diese Weise selbständig zu machen. Nicht selten kommt es vor, dass sich der Paladar quasi im Wohnzimmer der Gastgeber befindet. Dem Touristen eröffent sich so nicht nur die Möglichkeit, enger mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten, sondern häufig findet er sich mit dem Betreten des Paladares in einer wahren Schatzkammer vorrevolutionärer Gegenstände wieder. Edles Silberbesteck und feinstes Porzellan kommen hier zum Vorschein, antike Möbel und hochwertiger Wandschmuck. Ebenso erlebt der Gaumen, im Vergleich zu den leblosen staatlichen Restaurants, hier ein wahres Wunder der Genüsse. Und auch die Kellner haben es längst erkannt: Hier lohnen sich ein Lächeln, ein paar nette Worte, ein besonderes Engagement, um nicht nur das Trinkgeld, sondern auch die positive Mundpropaganda und damit das Geschäft insgesamt zu vergrößern. Ein Hauch von Kapitalismus.

Scheinwelt für Touristen

Die letzten Tage unserer Reise führten uns schließlich nach Cayo Coco, einer Tourismus-Insel vor der Nordküste Kubas. Hier wurde – ebenso wie in den anderen bekannten kubanischen Badeorten – für die Touristen eine Parallelwelt erschaffen, die uns schier die Sprache verschlug. In diesen Gebieten, zu denen Einheimische gar nicht oder nur begrenzt Zugang haben, reihen sich Bettenburg an Bettenburg, die Hotelshops sind mit Waren gefüllt, die Oldtimer sind top in Schuss und was wirklich interessiert ist das abendliche Animationsprogramm und der Geschmack des Cuba Libres. Nichts hier lässt erahnen, wie die „Außenwelt“ aussieht.

Drei Wochen Kuba auf eigene Faust haben uns ziemlich ausgepowert. Nicht nur die täglichen logistischen Herausforderungen waren kräftezehrend, sondern auch die allgegenwärtige Armut der Bevölkerung und ihre einfachen Bitten, die doch so schwer zu erfüllen waren. Hinter die Kulissen dieses sozialistischen Landes zu blicken und all das, was wir vorher über Kuba gesehen, gehört und gelesen hatten, mit der Realität abzugleichen, hat uns bereichert und verstört zu gleich. Das Bild in meinem Kopf hat sich geändert. Kuba lässt sich nicht auf Karibik, Kommunismus und Salsa reduzieren. Wir beobachten mit Interesse den leisen Umbruch, der dort derzeit stattfindet. Und, wer weiß. Vielleicht kommen wir irgendwann wieder.

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