Postcards from Paraguay (Asunción)

Paraguay ist anders! Am liebsten würde ich jetzt schreiben, dass es unmöglich ist, dieses Land – oder zumindest seine Hauptstadt – in Worte zu fassen. Es sollte jeder selbst herkommen und sich ein Bild machen. Aber da ich weiß, dass das nicht geht, werde ich mein Bestes geben, unsere Erlebnisse des heutigen Tages zu beschreiben.

Wir sind mit dem Wissen hierhergereist, dass Paraguay das ärmste Land Südamerikas ist, noch ärmer als Bolivien. Also sind wir davon ausgegangen, dass Paraguay eine Art zweites Bolivien ist, vielleicht mit noch verfalleneren Gebäuden, noch älteren Autos, noch mehr Bettlern auf der Straße. Aber diese Vorstellung war komplett falsch. Es gibt hier große Supermärkte, die Autos haben Katalysatoren, die Menschen sind angezogen wie wir und laufen mit ihrem Smartphone durch die Straßen. Im Zentrum findet man Parfümerien, Klamottenläden und gute Restaurants. Es gibt keine bunt angezogenen Indios und keine Panflötenmusik. Dafür aber hunderte Mercedes Benz und hammermäßige Prachtbauten. Alles Dinge, die es in Bolivien so gut wie nicht gab. Erst auf den zweiten Blick fallen einem die Menschen auf, die in den Mülltonnen herumwühlen, oder ihr Hab und Gut hinter sich herziehend durch die Straßen schwanken (wenngleich uns auch niemand angebettelt hat!). Paraguay ist das lebende Beispiel für die berühmte “Schere zwischen Arm und Reich”. Hier ist diese Schere weit geöffnet. Entweder man ist steinreich, oder so arm, dass es schier unsere Vorstellungskraft übertrifft. Eine richtige Mittelschicht scheint es nicht zu geben; dafür eher zwei Parallelwelten, die versuchen nebeneinander zu existieren.

Vorsichtig sind wir heute nach dem Frühstück losgezogen um die Welt außerhalb unseres Hotels zu erkunden. Schon nach 10 Minuten sind wir zurückgekehrt und haben uns erstmal dick mit Sonnencreme eingeschmiert. Die schwüle Hitze hier ist der Wahnsinn, bei jeder noch so kleinen Bewegung bekommt man einen Schweißausbruch. Angeblich sind ja sehr viele Deutsche nach Paraguay ausgewandert – wie die das Klima aushalten ist mir ein Rätsel. Man sieht übrigens tatsächlich sehr viele deutsch-aussehende Menschen (vor allem alte Männer), und auch die Fahrer der Nobelkarossen sehen meist eher europäisch aus. Die restliche Bevölkerung sind Mestizen.

Schon nach kurzer Zeit haben wir auf einer schattigen Plaza ein bisschen Rast gemacht, und prompt kamen zwei Frauen zu uns her und haben uns auf deutsch angequatscht. Beide leben seit längerer Zeit in Paraguay und waren interessiert an News aus der Heimat. Warum hier alle Mercedes fahren konnten sie übrigens auch nicht erklären. Ich glaube, sie haben noch nie darüber nachgedacht. Interessant war, dass sie erzählt haben, dass die Paraguayer so nachlässig sind. Sachen sind nur schön, solange sie neu sind. Sobald der Glanz des Neuen verblasst, kümmert man sich nicht mehr um den Gegenstand. Laut den beiden Damen würde ein Paraguayer beispielsweise eine Fensterscheibe, die ein bisschen kaputt ist, nie wieder putzen. Eher würde er sie noch mit dem Hammer einschlagen, um eine neue einzusetzen, anstatt sie jemals wieder sauberzumachen. Zum Abschied gab’s dann noch Gottes Wort für uns, denn die beiden Damen waren von den Zeugen Jehovas. War ja irgendwie klar, dieses Land ist ja bekanntermaßen ein Auffanglager für Sekten und Gedankengut jeglicher Art. Wir fanden es lustig, dass wir bis nach Paraguay reisen mussten, um erstmals in unserem Leben den Wachtturm, die “Clubzeitschrift” der Zeugen Jehovas, in der Hand halten zu können – und das sogar auf deutsch und Guaraní (neben Spanisch die Landessprache).

Asunción ist mal wieder eine Stadt, bei der man permanent nach unten schauen muss, weil die Gehwege so schlecht sind. Außer in Brasilien war das mehr oder weniger in jedem Land der Fall, aber hier ist es enorm. Zerbrochene Bodenfliesen, Löcher im Boden, herumliegender Müll und Scherben – Stolperfallen gibt es noch und nöcher. Besonderer Wahnsinn hier ist, dass die Wasserzähler im Gehsteig vor den Häusern angebracht sind. Eigentlich sollte da eine Metallplatte drüber sein, die bei 80% der Zähler aber nicht mehr existiert. Das bedeutet also, dass vor quasi jedem Haus ein Loch im Boden ist. Als Blinder könnte man sich hier keinen Meter bewegen.

Wir sind dann stundenlang weiter durch die Stadt gewandert und haben an jeder Ecke neu gestaunt. Pracht und Ruinen liegen so dicht beieinander. Irgendwann kamen wir dann ins Regierungsviertel. Wir waren total auf ein riesiges, neues, futuristisch wirkendes Gebäude fixiert, in dem die Legislative beherbergt ist, so dass wir gar nicht bemerkt haben, dass wir uns auf einmal mitten in einem Slum befanden. Total krass. Direkt vor dem riesigen Regierungsgebäude war wohl mal ein Park, den die arme Bevökerung einfach besetzt hat. Hier reiht sich Hütte an Hütte, Wäscheleine an Wäscheleine und Dixiklo an Dixiklo. Die Hütten bestehen aus irgendwie zusammengenagelten, dünnen Holzplatten mit einem Wellblechdach. Einige haben Strom und Satellitenschüsseln auf dem Dach, aber bei weitem nicht alle. Und 20 Meter weiter, nur über die Straße, sitzen die Regierungsangestellten im Anzug in ihren klimatisierten Büros.

Das Armenviertel hat so eine absurde Faszination auf uns ausgeübt, dass wir einfach die Hütten entlanggelaufen sind und festgestellt haben, dass sich der Slum quasi durchs gesamte Regierungsviertel zieht. Die Menschen haben ihre Hütten mit wenigen Metern Abstand einfach um die Gebäude drumherumgebaut. Dass der Staat duldet, dass ihre Regierungsgebäude nun mittlerweile mitten im Slum stehen, ist verwunderlich. Während wir also dastanden und entsetzt das Elend angestarrt haben, hat uns ein Typ hergewunken, der auf einer Bank vor seiner Hütte saß. Er sah uralt aus, war furchtbar dünn und hatte nur noch ein paar Zähne im Mund. Seltsamerweise hat er, im Gegensatz zum Rest der Paraguayer, ordentliches Spanisch gesprochen. Ich glaube, er war verwundert, dass Touristen durch sein Viertel latschen, oder dass überhaupt Touristen in Asunción unterwegs sind. Wir haben keine anderen Touristen zu Gesicht bekommen und hatten auch den Eindruck, dass wir permanent wie totale Aliens angestarrt werden.

Unverblümt hat “Juan” uns erzählt, dass er ganz furchtbar arm ist, dass alles aussichtslos ist, dass er versucht, Geld zu verdienen, indem er anderer Leute Autos wäscht, und dass er manchmal was zu essen hat und manchmal nicht. Und dann hat er echt angefangen zu weinen. Wir waren total fertig. Das war keine Show, die der Typ irgendwie abgezogen hat, um uns das Geld aus der Tasche zu ziehen, das war echt. Wir haben ihn gefragt, wie alt er ist, und er hat gesagt 31! Auf mich hat er gewirkt wie 100. Um dem ganzen Elend noch eins oben drauf zu setzen hat er erzählt, dass er eine zweijährige Tochter hat, und dass seine Frau gestorben ist. Mit 27 Jahren, an Blinddarmentzündung. Gesundheitsversorgung muss man in Dollars bezahlen, die er nicht hat, und für die arme Bevökerung gibt es keinerlei Anlaufstellen, er hätte nicht mal das Taxi für seine Frau ins Krankenhaus bezahlen können. Also ist sie gestorben. Einfach so. Unglaublich. Und seine Tochter wird er auch nicht auf die Schule schicken können, da diese 200.000 Guaraní im Monat kostet (ca. 40 Euro). Dauernd hat er wieder Heulkrämpfe bekommen, oh man, oh man. Und schlimmen Husten hatte er, ich hab gleich auf Tuberkulose oder ähnliches getippt. Wir haben dann ein Foto mit ihm gemacht und ihm zwei Müsliriegel geschenkt. Am Ende hat er noch gesagt, dass wir Schweinsteiger von ihm grüßen sollen. Dann haben wir uns verabschiedet. Und haben uns gewundert, dass diese Hunderten von Regierungsangestellten, die jeden Tag gegenüber ins Büro gehen, nicht einfach ihre Essensreste, alte Kleidung, Spielzeug usw. immer bei den armen Menschen im Slum abgeben. Ich glaube, wenn wir dort arbeiten würden, wir würden das machen. Und irgendwie hab ich mich dann blöd gefühlt, als wir anschließend in einem gut klimatisierten Nobelhotel Cappuccino getrunken und Crepes gegessen haben.

Den Rest des Tages beschreiben glaube ich unsere Fotos besser. Insgesamt muss ich sagen, dass Asunción eine schöne Stadt ist, in der es sich sicher – sofern man Geld hat und mit dem Klima zurechtkommt – sehr gut leben lässt. So ganz geheuer ist uns die angeblich ach-so-sichere Sicherheitslage aber immer noch nicht. Ich habe das Gefühl, so gut wie hier haben wir noch nie auf unser Hab und Gut aufgepasst. Zu denken gegeben hat uns auch, dass uns der Rezeptionist hier im Hotel gefragt hat, ob wir unsere Pässe nicht lieber hierlassen wollen… (Wir haben sie mitgenommen!).

Morgen wollen wir die Viertel jenseits des Zentrums erkunden und eventuell dem Friedhof einen Besuch abstatten. Wir sind schon sehr gespannt, was uns da wieder alles erwartet!

 

3 Kommentare

  1. Das Problem mit den Slums muss anders gelöst werden. Dass Regierungsmitarbeiter Reste oder alte Sachen quasi über die Straße reichen wäre keine gute Idee. In Nullkommanix hätte Paraguay alle Armen von ganz Südamerika am Hals.

  2. 66% der Landflächen gehören 10% der Bevölkerung, dazu eine priese Koruption und einige Tausend deutsche Rentner und man zahlt quasi keine Steuern in Paraguay, da wundert mich das mit den Autos nicht. Auffällig vermutlich deswegen weil man sich entweder ein dickes Auto leisten kann oder eben gar keines dazwischen ist wohl nicht viel.

    Aber auch was positives 99% der elektrischen Energie werden aus Wasserkraft gewonnen. Die Kraftwerke werden wohl mit Argentinien bzw. Brasilien jeweils betrieben.

    • Das mit dem Wasserkraftwerk ist leider auch nicht so positiv wie es klingt: Durch den Itaipú-Staudamm wurde wahnsinnig viel Land (Urwald) überschwemmt, bzw. zerstört, darunter auch Wasserfälle die angeblich noch imposanter waren als die von Iguazú. Paraguay hat mit diesem Staudamm mehr Strom produziert als es überhaupt gebraucht hat und Brasilien hat das dann zum Spottpreis abgekauft. Das wurde aber mittlerweile geändert, mittlerweile muss es Brasilien zum Marktpreis abnehmen.

      Wir haben letztens die Kleinanzeigen im “Wochenblatt aus Paraguay” gelesen: 130qm-Häuser “erbaut nach deutschem Standard” mit einigen Hektar Land (nicht in Asunción, sondern irgendwo in der Pampa) gibt’s möbliert ab 54.000 Euro. Und die nächste Kleinanzeige bietet dann gleich einen Wasserbüffel an, den man sich in den Garten stellen kann. 🙂

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