Der Tag danach oder: Schlemmen in der First Class (Lauf a.d. Pegnitz, Deutschland)

Erstes Foto zurück in Deutschland. Mama, ich und Lars am Nürnberger Flughafen.

Etwas verwirrt habe ich den Mülleimer in unserem Badezimmer begutachtet. Er kam mir so klein vor. Und es befand sich keine Mülltüte darin. Und er stand gar so weit weg von der Toilettenschüssel. Die Erkenntnis kam erst Stunden später: Hier in Deutschland braucht man ja gar keinen Klopapiereimer! Hier kann man das Klopapier einfach ins Klo schmeißen und die Spülung drücken, ohne Angst vor dem Resultat zu haben. Deshalb der kleine Eimer, deshalb so weit weg vom Klo.

Man merkt: Wir sind wieder daheim. Und es ist etwas seltsam. 100 Tage wusste ich stets, wo ich bin, und heute früh wache ich auf, fahre aus dem Bett hoch und schaue mich um. Erst nach einigen Sekunden konnte ich mich orientieren. Etwas später habe ich festgestellt, dass ich die ganzen Lieder im Radio nicht kenne. Dass man hier seinen Abfall trennen muss, die Autos nicht mit 100 km/h durch die Ortschafft brettern und sich mein Pass nicht mehr gut versteckt im Bauchgurt unter der Hose befindet (wir haben heute unabhängig voneinander mehrmals fast einen Herzinfarkt bekommen als wir bemerkt haben, dass der Pass nicht da ist…). Man könnte fast meinen, wir waren jahrelang unterwegs. Dabei waren es nur 100 Tage!

Unsere erste “Tat” heute war ein Gang zum Friseur. Die Friseuse hatte ganz schön zu kämpfen damit, das in Peru entstandene Unheil in Ordnung zu bringen. Sie meinte, es dauert noch ein, zwei Monate bis das alles rausgewachsen ist… Bei unserem darauffolgenden Gang durch die Stadt war ich ziemlich überrascht, wie leicht man mit Fremden (beim Friseur, in Läden, im Café) ins Gespräch kommt, bzw. von sich aus ein Gespräch anschneidet, wenn man die gleiche Sprache spricht. Oder umgekehrt: Was Fremdsprache doch für eine Barriere sein kann, selbst wenn man sie (so wie ich Spanisch) vermeintlich gut spricht.

Im Moment sind wir fleißig am Auspacken, Aufräumen, Wäsche waschen und wieder eingewöhnen. Und auch sehr gespannt darauf, was die nächsten Wochen und Monate bringen werden. Wir müssen die ganze Reise erstmal in unserem Kopf ordnen, Ideen und Projekte angreifen und die auf der Reise gewonnenen Vorsätze in die Tat umsetzen. Ich hatte ja schon angekündigt, dass es einige Fazits gibt. Diese werde ich in den nächsten Tagen in Worte fassen und hier veröffentlichen.

Jetzt aber noch zu unserer Heimreise. So einen Flug in der 1. Klasse macht man ja nicht alle Tage! In unseren schäbigen Marmot-Jäckchen kamen wir mitsamt unseren Backpacker-Rucksäcken am Flughafen in Buenos Aires an. Die herumstehende Lufthansa-Assistentin wollte uns zur richtigen Schlange weisen, und hat erstmal gefragt: “In welcher Klasse reisen Sie denn?” Und der Lars, ohne mit der Wimper zu zucken: “First”. Zwei Sekunden lang hatte sich die Lufthansa-Dame einfach nicht im Griff und hat den Lars nur mit offenem Mund angestarrt. Dann hat sie unverzüglich nach unseren Namen gefragt und eine Minute später kam schon ein anderer Lufthansa-Mensch gerannt, mit unseren Bordkarten und Gepäckabschnitten. Anscheinend fliegen Terroristen nicht First Class, denn unsere Pässe wollte niemand sehen. Dann noch die Frage, ob wir denn als erstes oder als letztes einsteigen wollen. Als erstes natürlich! Der Security-Check war dann typisch südamerikanisch: Wie immer konnten wir literweise Wasser und andere Flüssigkeiten mitnehmen, ohne dass es irgendwen interessiert hätte.

Kurz bevor das offizielle Boarding begann, wurden wir dann, zusammen mit unseren sechs First-Class-Mitinsassen vom gleichen Lufthansa-Menschen wieder abgeholt und ins Flugzeug geführt. Oder besser gesagt: In unser edles Reich für die nächsten 14 Stunden, im ersten Stock des Flugzeuges, direkt hinter dem Cockpit. Jeder der acht First-Class-Passagiere hatte ein eigenes Bett und einen ultra bequemen superverstellbaren Sitz. Ultimative Beinfreiheit, mehrere Fächer zum Verstauen des Gepäcks und einen riesigen Monitor, daneben eine echte Rose in einer Vase. Es gab pro vier Mann eine Toilette und zwei Stewardessen, die nur für die First Class zuständig waren. Nachdem wir mit Champagner und Nüsschen versorgt wurden, bekam jeder noch ein edles Täschchen (“Ihre Kosmetik”) sowie einen Schlafanzug (gute Qualität und zum Mitheimnehmen).

Die anderen sechs Mann waren übrigens völlig normale Menschen (bzw. Geschäftsreisende). Wir hatten vorher monatelang gerätselt, welche Leute wohl First Class fliegen und haben auf Scheichs, Rockstars und hochrangige Politiker getippt, aber unsere Mitreisenden waren weder das eine noch das andere. Mit einem haben wir uns unterhalten (irgendein Vertriebler für Medizintechnik), der hat uns erzählt, so als wäre das die normalste Sache der Welt, dass er nicht mehr mit Emirates fliegt, “weil da sind 14 Mann in der First Class, und das ist ja viel zu viel, schon quasi Massenabfertigung”. Da kann man mal wieder nur staunen.

Nach dem Start ging dann das große Fressen los. Dabei musste man den Tisch vor seinem Sitz nicht selbst ausklappen, das hat die Stewardess gemacht und ihn auch gleich noch weiß eingedeckt. Dann gab es erstmal einen Gruß aus der Küche (geräucherter Lachs), danach Kaviar mit drei verschiedenen Beilagen, dann eine Vorspeisenvariation (drei verschiedene, plus gemischter Salat), dann ein Hauptgericht (das man aus mehreren Hauptgerichten auswählen konnte), dann eine Nachspeise (ebenfalls wählbar aus drei verschiedenen) und nach der Nachspeise noch ganz edle Schokolade. Dazu wurde uns eine Auswahl von ungefähr 12 verschiedenen Weinen angeboten, ebenso wie Aperitifs und Digestifs. Wir haben uns an spanischem Rotwein sowie Portwein versucht. Ich muss gestehen, man kam nicht umhin sich die tumultartigen Zustände vorzustellen, die mit großer Wahrscheinlichkeit gleichzeitig unten in der Holzklasse herrschten. Man kennt es ja zu gut. Ich werde diesen Flug mein Leben lang in Erinnerung behalten und mich, wenn ich mal wieder stundenlang mit null Beinfreiheit eingequetscht zwischen fremden nervigen Menschen mit einem winzigen Wasserbecher in der Hand vor dem ekligen Mikrowellenessen sitze, in die First Class zurückwünschen.

Nach drei Stunden Flug haben sich dann alle in ihre Schlafanzüge geschmissen und sind ins Bett gegangen. Was total krass war: Wir sind zu diesem Zeitpunkt immer noch über Land (Brasilien) geflogen, und es gab keine Wolken. Ich saß also auf dem Bett und hab zum Fenster raus auf die Lichter Brasiliens geschaut. Ich kam mir irgendwie vor wie in einem Ufo.

Mal davon abgesehen, dass es in der Kabine ziemlich warm war und wir leider ein paar Turbulenzen hatten, war die Sache mit dem Bett echt top. Volle sieben Stunden haben wir geschlafen, bis wir (auf Wunsch!) von der Stewardess fürs Frühstück geweckt wurden. Quasi topfit sind wir also aufgestanden und haben uns das frisch zubereitete Rührei (!) schmecken lassen. Und irgendwie war der Flug dann auch schon gleich um und wir sind in Frankfurt gelandet. Dann noch der Knaller: Wir konnten nicht über den Finger aussteigen, sondern über eine Treppe, und die befand sich am anderen Ende des Flugzeuges. Die eine Stewardess dann, dem Nervenzusammenbruch nahe: “Oh nein, dann müssen die First-Class-Passagiere als LETZTES aussteigen!”. Es gab aber gleich eine Entschädigung für uns: Wir durften ins Cockpit schauen. Echt interessant, und so eng!!!! Hätte ich nicht gedacht. Cool war dabei außerdem, dass der Pilot eine Frau war!

In Frankfurt wurden wir dann leider gleich wieder von der Realität eingeholt: Endlos lange Schlangen an der Passkontrolle (immerhin hat der gnädige Grenzer mir einen Einreisestempel für Deutschland gegeben, hihi), und noch längere Schlangen am Security-Check. Selbstverständlich durfte man hier keine Flüssigkeiten dabei haben. Und mein Rekord wurde zunichte gemacht: 100 Tage lang habe ich nicht gepiepst, egal auf welchem Flug in Südamerika, egal in welchem Land. Aber klar, kaum wird man in Deutschland durchleuchtet: Piiiiiep. Nerv!!! Das alles hat so lange gedauert, dass wir unseren Weiterflug fast verpasst hätten. Am Ende ging dann aber alles glatt, und hier sind wir wieder…

 

 

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