Kap Horn (Kreuzfahrt Punta Arenas – Ushuaia)

Wir sind angekommen in Ushuaia, Argentinien, der südlichsten Stadt der Welt. Es liegen herausragende Tage hinter uns. Hätten wir geahnt, dass eine Kreuzfahrt durch eisige Gegenden derartig atemberaubend ist, hätten wir uns vielleicht für “100 Tage mit dem Schiff durch Patagonien und die Antarktis” entschieden. Ein minikleines Bisschen haben wir deshalb gehofft, heute ein Schiff zu finden, das uns zum Südpol bringt. Nur zu gerne hätten wir die restlichen Reisepläne über den Haufen geworfen und noch ein paar Dollars mehr in die Hand genommen. Aber keine Chance, vor November gibt es keine Reisen in die Antarktis. Also zehren wir von den Tagen, die wir auf der Stella Australis verbringen durften und schmieden eifrig Pläne für Reisen nach Grönland, Kanada und Alaska.

Und jetzt ganz von vorne: Vergangenen Samstag standen wir gefühlt unendlich lange am Hafen von Punta Arenas und hielten es vor Spannung kaum mehr aus. Um 18 Uhr dann durften wir endlich an Bord. Die Stella Australis ist ein Expeditions-Kreuzfahrtschiff, das 2010 gebaut wurde, und 89 Meter lang und 14,6 Meter breit ist. Sie verfügt über 100 Kabinen, einen großen Speisesaal und drei geräumige Lounges. In den Lounges gab es nicht nur rund um die Uhr Tee, Kaffee, Kuchen, Nüsschen, Oliven, Bier, Wein und Cocktails, sondern auch große Panoramafenster durch die man einen traumhaften Blick auf die umliegende Landschaft hat. Auch unsere (total schöne!) Kabine hatte ein solches Fenster. Ich hätte Wochen damit verbringen können, einfach nur dazusitzen und der Landschaft am Vorbeiziehen zuzuschauen.

Geplant waren fünf Landgänge; in der Zeit dazwischen konnte man die Brücke und den Maschinenraum besichtigen, sich Vorträge über Patagonien und Feuerland anhören, oder in einem kleinen Fitnessraum die Kalorien, die man während der Mahlzeiten am fantastischen Buffet à la Traumschiff zu sich genommen hatte, wieder loswerden. (An dieser Stelle sei mit Stolz bemerkt, dass wir uns jeden Tag eine Stunde auf Crosstrainer, Laufband und Indoor-Fahrrad abgestrampelt haben!). Eine Kleiderordnung gab es übrigens nicht, so dass die meisten Passagiere stets in Outdoor-Klamotten und Badelatschen durch die Gänge geschlappt sind.

Interessanterweise waren wir die einzigen deutschen Passagiere an Bord, und neben ein paar vereinzelten Spaniern und zwei ausschließlich italienisch sprechenden Italienern die einzigen Europäer. Der Großteil der Passagiere bestand aus Brasilianern. Außerdem gab es noch eine größere Anzahl fußlahmer Amerikaner im fortgeschrittenen Alter sowie einige Australier und eine Kanadierin.

Kurz nach 20 Uhr hieß es Leinen los. Die Lichter von Punta Arenas verschwanden schnell am Horizont. Auf großen Monitoren, die in den Aufenthaltsräumen zu finden waren, konnte man zu jeder Zeit die per GPS aufgezeichnete Route des Schiffes verfolgen. Magellanstraße, Beagle Channel, Feuerland, Kap Horn – schon alleine bei den Namen dieser Orte erschaudert man vor Ehrfurcht. Und auf einmal befindet man sich mittendrin! Durch die zerklüfteten Kanäle dort zu navigieren ist übrigens nicht einfach. Mit Autopilot geht da gar nichts, sondern es muss wirklich ein Mensch am Steuer sitzen und das Schiff an Engpässen, Felsen und Untiefen vorbeilotsen. Die Schichten des Steuermannes dauern jeweils nur zwei Stunden, da dieser Job so anstrengend ist. Die rauhe See setzt dann der Herausforderung – vor allem nachts – noch eins oben drauf. Und wer denkt, so ein großes Schiff schwankt nicht, der irrt! Zwar habe ich die Seekrankheitskaugummis nicht angetastet, aber sie lagen stets griffbereit auf meinem Nachtkästchen.

Der erste Landgang fand am nächsten Vormittag in der Ainsworth Bay statt. Von dort hat man einen schönen Blick auf den Marinelli Gletscher und kann kleinen Eisschollen beim Herumschwimmen zuschauen. Entgegen unserer Erwartungen gibt es in der ganzen Region auch eine ganze Menge Bäume, Büsche, Moose und Flechten. Wir kamen uns vor wie an einem kalten Januartag in einem feuchten, deutschen Wald – nach über 70 Tagen Reise durch Staub und Wüste erschien uns dieser Wald wie ein wunderbares Geschenk von einem fernen Planeten.

Der zweite Landgang, zu den Tuckers Islands, musste leider aufgrund zu rauher See ausfallen. Wir wussten zwar, dass dies passieren kann – vor allem in dieser Jahrezeit -, waren aber schon ein bisschen enttäuscht. Es hätte dort Magellan-Pinguine und Kormorane zu sehen gegeben.

Dafür durften wir allerdings am nächsten Tag ein absolutes Highlight erleben: Es wurde der Pia-Gletscher angesteuert – unglaubliche Eismassen wie aus dem Bilderbuch. Noch während wir im Zodiac saßen ist auf einmal der Himmel aufgerissen, die Sonne kam heraus und ein wahnsinns Panorama hat sich aufgetan. Es ist unbeschreiblich vor so einem riesigen Gletscher zu stehen und hautnah mitzuerleben wie er sich Millimeter um Millimeter nach vorne schiebt. Ich hätte nie gedacht, dass diese Eismassen so oft so wahnsinnig laut knacken, dass alle paar Minuten riesige Eisbrocken ins Wasser fallen und man einige Zeit später, fast wie ein Mini-Tsunami, die dadurch ausgelösten Wellen ans Ufer rauschen sieht. Wir wären am liebsten dortgeblieben, an diesem magischen Ort, der an Schönheit wirklich nicht zu überbieten war.

Und dann, dann rief Kap Horn. Der südlichste Zipfel Südamerikas. Das Ende der Welt. 800 Schiffe liegen vor den Ufern dieser Insel angeblich am Meeresgrund; rund 10.000 Seeleute verloren hier ihr Leben. Auch wir wurden sorgfältig darauf vorbereitet, dass eine Anlandung aufgrund zu rauher See häufig nicht stattfinden kann. Zusätzlich wurde uns eingeschärft, dass die Seefahrer der vergangenen Jahrhunderte niemals auf die Idee gekommen wären, an Kap Horn an Land zu gehen und so ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Was zählt, ist mit einem Schiff dort gewesen zu sein.

Mir selbst ging es auch gar nicht so darum, krampfhaft einen Fuß auf diese Insel zu setzen. Mich hat etwas anderes ganz wahnsinnig interessiert: Denn auf Kap Horn lebt, man höre und staune, eine Familie, die den lokalen Leuchtturm betreut. Es sind Marineoffiziere, die sich für diesen Einsatz bewerben, der stets ein Jahr dauert. Verpflichtend ist, dass die Familie mindestens ein Kind hat und die Frau fähig ist, dem Kind Schulunterricht zu geben. Zwischen April und September kommt an Kap Horn kein einziges Schiff vorbei – wir sollten die ersten Menschen seit über fünf Monaten sein, die mit dieser Familie zusammentreffen würden. Alleine die Vorstellung, dass jemand an diesem winzigen, kalten und verlassenen Ort ein Jahr verbringt finde ich wahnsinnig spannend. Nur zu gerne hätte ich diese Leute kennengelernt! Außerdem betreibt die Frau dort auch noch einen kleinen Souvenirshop, den wir leerkaufen wollten.

Aber, man ahnt es schon: Woran tausende vor uns scheiterten, daran scheiterten auch wir. Um 7 Uhr morgens standen wir mit voller Montur und Schwimmwesten auf unserem schaukelnden Schiff und haben unsere Crew dabei beobachtet, wie sie Vorräte und Geschenke für die Familie mit ihren Zodiacs an Land gekarrt haben. Diese Testfahrten waren ausschlaggebend dafür, die Anlandung für uns abzusagen. Ich weiß gar nicht, wann ich zum letzten Mal so enttäuscht war.

Noch bitterer war, dass sich später herausgestellt hat, dass die Anlandung hauptsächlich aufgrund der vielen fußlahmen Amerikaner an Bord abgesagt worden war und die fitteren Passagiere den Landgang durchaus geschafft hätten. Aber man wollte niemanden diskriminieren, und so durfte keiner von Bord. Angesichts des Geldes, das man für diese Reise zahlt, ist das unfair und unverständlich – jetzt fühlen nämlich WIR uns diskriminiert. Das einzig Gute an dieser Sache ist, dass wir jetzt einen triftigen Grund haben, wiederzukommen! (Heute wurde uns von einem Touranbieter allerdings zugeflüstert, dass es eine Art Legende ist, dass es tatsächlich Leute geben soll, die Kap Horn betreten haben – er selbst hat es zweimal versucht und es hat beide Male nicht geklappt).

Ein letzter Landgang hat uns schließlich zur Wulaia-Bay geführt. Interessant ist, dass hier bis Anfang des 20. Jahrhunderts ein Indianerstamm lebte (Yagan oder Yamana), der keine Kleidung kannte. Diese Menschen lebten komplett nackt, in dieser Kälte!!! Leider gibt es nur noch ein lebendes Mitglied dieses Stammes, und auch dessen Sprache konnte nicht erhalten werden.

Mit riesen Schritten ging unsere Kreuzfahrt dann dem Ende entgegen. Gestern gab es neben dem Abschieds-Abendessen  tatsächlich noch einen medizinischen Notfall. Eine Australierin litt unter starker Atemnot und musste von Bord gebracht werden. Sie hatte echt Glück, dass wir schon so nah am Hafen von Ushuaia waren – wie sich herausstellte, verfügte der schiffseigene Arzt über keinerlei technisches Gerät für weiterführende Untersuchungen. Mit Staunen haben wir außerdem der Versteigerung der Schiffskarte beigewohnt. Auf jeder Fahrt wird mit Bleistift die gefahrene Route in eine Art Landkarte eingezeichnet. Man höre und staune: Ein Brasilianer hat 230 Dollar für dieses riesige, nicht zu transportierende Papier springen lassen.

Sehr, sehr traurig haben wir heute morgen schließlich Abschied genommen, von “unserer” Stella Australis. Bis um 18 Uhr lag sie hier in Ushuaia noch im Hafen, wo wir ihr ab und zu einen sehnsüchtigen Blick zugeworfen haben. Zu gerne wären wir wieder eingestiegen und weitergefahren…

 

2 Kommentare

  1. Hallo Suzy,
    jeden Tag frage ich mich – gibt’s was neues von Suzy?
    Es ist so faszinierend was Ihr seht und erlebt. Ich sitze Daheim vor dem PC und habe Gänsehaut und denke – ich will da auch hin!
    Liebe Grüße
    Marga

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