Feuerland zum Greifen nah… (Punta Arenas, Chile)

Wir sitzen gerade im Wohnzimmer unseres hypergenialen Hostels “Mi Casa” in Punta Arenas. Vor uns und hinter uns befindet sich ein Heizkörper. Kein Gasofen, keine Elektroheizung, sondern Heizkörper einer richtigen Zentralheizung. So etwas ist uns auf unserer Reise bislang noch nicht begegnet und lässt auf hiesige Außentemperaturen schließen: Derzeit etwa 4 Grad mit eisigem Wind vom Meer. Punta Arenas ist die südlichste Stadt Chiles, es hat selbst im Sommer nie über 20 Grad und die Autos fahren mit Spikes durch die Gegend. Bei unserer Ankunft wurden wir gar mit einem kleinen Schneegestöber begrüßt. Willkommen in Patagonien!

Viel gibt es noch nicht zu berichten, denn aufgrund des Nationalfeiertages hatte gestern und heute alles, aber auch wirklich alles, geschlossen. Zum Glück sind wir dem einzigen geöffneten Café in dieser Stadt direkt in die Arme gelaufen, so dass wir nicht verhungern und verdursten mussten. Die Situation erinnert uns ein bisschen an unseren Aufenthalt am Ostersonntag auf der isländischen Insel Heimaey, als wir uns ebenfalls mit einem Nahrungsengpass konfrontiert sahen (nachzulesen hier). Obwohl Punta Arenas immerhin 130.000 Einwohner hat, fühlt man sich hier ähnlich abgeschnitten von der Welt wie im kleinen Heimaey. Tausende von Kilometern kalter Wüste trennen die Stadt von weiterer Zivilisation, vom Flugzeug aus ein beeindruckender Anblick. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass es hier zum ersten Mal nicht mal vergitterte Fenster gibt – Verbrecher suchen sich wahrscheinlich nicht ausgerechnet diese kalte Stadt für ihre Machenschaften aus.

Ich gebe zu, ich habe mir Punta Arenas irgendwie anders vorgestellt. Irgendwie schnuckeliger, irgendwie nordischer. Mit weitaus mehr Tageslicht. Aber ein Blick auf die Landkarte hat mich gleich mal eines besseren belehrt: Spiegelt man Punta Arenas auf die Nordhalbkugel liegt es nur etwas über Berlin, so ca. auf Höhe von Oranienburg. Der Sonnenuntergang ist hier also unspektakulär um 19:30 Uhr. Hinter der Stadt erheben sich schroffe Hügel mit Schneeresten, die mich an die lebensfeindliche Landschaft im Osten Islands erinnern. Und die Stadt selbst ist eine Art zusammengewürfelter, etwas herunterkommener Haufen bunter Häuschen mit dem Prädikat “architektonisch interessant”. Jedes Haus ist anders seltsam, und alle sehen aus wie selbstgezimmert. Auch nach stundenlangem durch die Stadt schlendern staunt man noch an jeder Ecke aufs Neue. Zusätzlich liegt ein Hauch von großem Seefahrertum über der Stadt. Die Straßen haben Namen wie “Hernando de Magallanes” (Punta Arenas liegt direkt an der Magellanstraße), “Christoph Columbus” oder “Los Pioneros” und überall stehen Denkmäler herum, die irgendwas mit Seefahrt zu tun haben. Ein bisschen ist die Aufbruchstimmung der Seefahrer der letzten Jahrhunderte hier zu spüren, ein bisschen fühlt man sich wie Scott, Shackleton und Amundsen vor ihrer großen Fahrt.

Unsere “große Fahrt” beginnt morgen abend um 20 Uhr, wenn wir mit der Stella Australis in Richtung Kap Horn in See stechen. Vier Tage voller Expeditionen ins ewige Eis stehen uns bevor. Glaubt man diesem Werbefilm sowie den Kritiken auf TripAdvisor wird die Fahrt der Hammer. Wir sind soooo gespannt!!!!!!!!!!!!!!!!!! Internet und Handyempfang wird es auf der Stella Australis allerdings nicht geben. Wir verabschieden uns deshalb bis Mittwoch ins Funkloch und melden uns dann mit einer Menge neuer Eindrücke im Gepäck aus der südlichsten Stadt der Welt – Ushuaia in Argentinien.

Thematisch etwas ab vom Schuss:
– Im Flugzeug saßen hinter uns zwei Holländerinnen, die mit einem Ford Baujahr 1950, der extra aus Bogotá angeliefert wird, vier Wochen lang in Patagonien herumfahren wollen. Dass Patagonien jetzt nicht so unbedingt für eine Mietwagentour geeignet ist, schienen sie nicht zu wissen. Sie waren ganz begeistert über die Lage von Punta Arenas an der “Strait of Madeleine” (Herr Magellan würde sich sicher im Grab umdrehen) und liebäugeln mit einem “Boat Trip to Antarctica”. Ein Blick in den Reiseführer hätte sicher nicht geschadet – sämtliche Schiffe brechen erst ab November in Richtung Südpol auf.
– Das schöne Café, in dem wir gestern und heute viel Zeit verbracht haben, wurde um 1900 von schweizer Einwanderern gegründet und wird heute vom Urenkel weitergeführt. Ich finde es herausragend, dass diese Einwanderer damals ausgerechnet in Punta Arenas hängenblieben; es gibt ja wahrlich wärmere Städte in Chile, die auch ein gutes Café gebrauchen könnten.

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