Reiseführer-Warnungen vs. Realität (Bogotá)

“Ihr nehmt einfach den Bus bis Las Aguas, steigt dann in einen anderen Bus, und dann nehmt ihr noch ein Taxi. Ihr könnt ein Taxi auf der Straße anhalten, auch wenn es besser ist, sich eines rufen zu lassen. Aber ich habe schon lange nichts mehr von Verbrechen durch Taxifahrer gehört. Wenn ihr dann am Cerro Monserrate seid, könnt ihr hochlaufen oder mit der Seilbahn hochfahren. Und danach geht ihr von dort zu Fuß ins Zentrum.” So ungefähr lautete die Empfehlung unserer Hotelinhaberin Ela, als wir sie heute morgen fragten, wie wir zum Cerro Monserrate, einem 3.150m hohen Berg vor den Toren Bogotás, gelangen könnten. Nach alldem, was uns Reiseführer und diverse Websites geraten hatten, hauten mich Elas Worte so ziemlich um. Der Cerro Monserrate ist soooo gefährlich, hieß es stets. Man könne sich allenfalls am Wochenende hinwagen, wenn gleichzeitig viele Kolumbianer dem Hügel einen Besuch abstatten. Aber auf keinen Fall sollte man sich dort zu Fuß bewegen, Raub, Entführung und Vergewaltigung seien garantiert. Und dann das zweite No Go: Niemals, wirklich niemals, auf der Straße ein Taxi anhalten. Sich immer eins rufen lassen, ein sicheres, registriertes. Das konnte ja heiter werden.

Da wir durch die Höhe (Bogotá liegt auf über 2.600m) heute morgen noch ziemlich im Delirium waren, haben wir beschlossen, uns doch lieber mit einem vom Hotel gerufenen Taxi zum Cerro Monserrate zu begeben, anstatt uns mit dem unüberblickbaren Dschungel an öffentlichen Verkehrsmitteln auseinanderzusetzen. 30 Minuten Fahrt, 10 Euro, durch eine schöne, lebendige und weitaus weniger arm als gedacht wirkende Stadt. Überall tummeln sich Menschen, überall gibt es Stände, die irgendwas verkaufen – von Schnürsenkeln über Netzteile bis hin zum Opa, der dutzende von Thermoskannen auf einem Wägelchen vor sich herschiebt und die Passanten mit Kaffee versorgt. Beeindruckend sind außerdem die vielen gigantischen Fußgängerbrücken über die bis zu 10-spurigen Straßen (5 Spuren für jede Richtung).

Auf den Gipfel des Cerro Monserrate ging’s dann mit einer Zahnradbahn, die Seilbahn hatte noch zu. Oben angekommen tat sich nicht nur ein gigantischer Blick über Bogotá und die umliegenden Hügel auf, sondern auch eine wunderbar bepflanzte Gartenanlage mit so schönen Pflanzen, dass es dem Mitteleuropäer schier die Tränen in die Augen treibt. Hohe Kriminalität ließ sich eher nicht vermuten. Wieder unten haben wir einen Polizisten gefragt, ob man wirklich ins Zentrum laufen kann. Klar, kein Problem, es seien auch überall Polizisten, wir können ruhig laufen. Gesagt, getan. Ein super Spaziergang führte uns vorbei an der Universidad de Los Andes (die einem Hochsicherheitstrakt glich und tatsächlich von Typen mit Gewehren bewacht wurde) in die historische Altstadt La Candelaría und von dort durchs Regierungsviertel. Auch von diesem Stadtteil hatte ich nur Schauermärchen gehört: Würde man dort von der Hauptstraße in eine Seitenstraße abbiegen könnte es durchaus passieren, dass einem einer eine Knarre an die Schläfe hält und einen ausraubt. Ganz ehrlich: Angesichts der Menschenmassen dort, die nicht nur auf der Hauptstraße “La Septima” (einst Autostraße, nun Fußgängerzone), sondern eben auch in den Seitenstraßen unterwegs sind, kann ich mir das nur schwer vorstellen. Und das Polizeiaufgebot ist wirklich auch immens, teilweise haben die Polizisten auch Hunde dabei. Ich habe mich wirklich zu keiner Zeit unsicher gefühlt.

Nach einem etwas seltsamen Mittagessen – bestehend aus einem komplett ungewürzen Stück Hähnchenbrust mit bröckeligen Kartoffeln (“Papas Criollas”, gibt’s hier überall) und auf dem gleichen Teller noch ein Stück gebackene Banane mit Honig – haben wir noch eine Hop-on-hop-off-Bustour in Angriff genommen. Laut Internet sollte der Bus an der Ecke Calle 7/Carretera 7 halten. (Ähnlich wie in New York sind die Straßen hier einfach durchnummeriert, was die Orientierung wirklich ungemein erleichtert). An besagter Ecke war jedoch keinerlei Hinweisschild, geschweige denn eine Bushaltestelle. Ich habe also irgendeinen Wachmann gefragt, wo denn die Bushaltestelle ist. Der fand das total lustig. Bushaltestellen, die als solche erkennbar sind, braucht man nämlich nicht. Der Bus kommt auch so. Und hält einfach an der Ecke. Ein Geheimtipp sozusagen, für Außenstehende niemals erkennbar.

Dass wir nicht genug Bargeld hatten, um die Bustour zu bezahlen, war auch kein Problem – der Hop-on-hop-off-Bus hat einfach mitsamt seinen ganzen Insassen extra für uns einen Geldautomaten angesteuert. Alle haben brav warten müssen, bis wir wieder liquide waren. Phänomenal. Die Bustour an sich (2 Stunden) hat mir total gut gefallen, auch wenn unser Logenplatz ganz vorne aufgrund des Verkehrs bei uns zeitweise zu Herzstillständen geführt hat. Es gibt hier bessere Viertel (keine Kabel über der Straße, dafür Elektrozäune um die Gebäude) und schlechtere (Kabel über der Straße und mehr Gitter als Elektrozäune), aber alles in allem ist Bogotá eine wirklich sehr schöne Stadt. Ich hoffe, dieser Eindruck hält sich auch die nächsten Tage über.

Nachdem es hier an jeder Ecke Obst zu kaufen gibt, das wir noch nie gesehen haben, haben wir uns zum Abendessen mal an eine Baumtomate sowie an eine grüne (!) Orange gewagt. Die Baumtomate war süß und eher in der Kategorie Obst einzuordnen, ihre Schale aber war verdammt bitter und ungenießbar. Die Orange war relativ normal.

Draußen schüttet es in Strömen. Ich gehe jetzt ins Bett. Gute Nacht!

3 Kommentare

  1. Wow, der Beitrag hat mich jetzt auch überrascht, aber liest sich super und sieht toll aus – einfach super. Da habt ihr euch einen guten Startpunkt ausgesucht 🙂

  2. Ja, danke. So ist es. Sehr interessant hier, hätte ich niemals so erwartet. Ging heute so weiter.
    😉

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