Geldgeschäfte in Buenos Aires

2006 war ich schon einmal in Buenos Aires. Ein paar Dinge sind mir in lebhafter Erinnerung geblieben: Die grandiose Stadtautobahn (haben wir leider noch nicht zu Gesicht bekommen), die schlechten Gehwege (sind immer noch so), der ekelhafte Geruch überall (ist immer noch so) und die unzähligen Hundehaufen auf dem Gehsteig (ist immer noch so).

Ähnlich wie Havanna, Rio, Moskau oder New York gehört Buenos Aires irgendwie zu den Städten, die sofort Assoziationen auslösen. Man denkt an Tango, an Che Guevara und guten Fußball, an leckere Steaks und Qualitätsrotwein. Nach Havanna ist Buenos Aires aber nun die zweite Hauptstadt, der wir das “Da-muss-man-hin”-Zertifikat entziehen und empfehlen: Leute, entscheidet Euch für andere Reiseziele.

Auf unsere Einreise nach Argentinien gestern (man erinnere sich an den Drive-Through-Passabstempel-Schalter, der auch gestern wieder hervorragend funktioniert hat) folgte die typisch argentinische Bargeldbeschaffungsproblematik, unter der wir schon in Iguazú und Ushuaia zu leiden hatten. Weder am Flughafen in Iguazú noch am Flughafen in Buenos Aires war in irgendeiner Weise Bargeld zu bekommen. Laut unserem Hotelbesitzer hier ist das die Realität, mit der auch die Argentinier leben müssen: Bargeld zu beschaffen ist nervenaufreibend.

In der Hoffnung, auch in Dollars zahlen zu können (die wir uns in weiser Voraussicht in Asunción organisiert hatten), haben wir uns nach der Landung also erstmal in die ungefähr 500 Meter lange Schlange der auf ein Taxi Wartenden einreihen müssen. Argentinien ist das erste Land, in dem am Flughafen taximäßig totales Chaos herrscht. Normalerweise gibt es Einweiser, oder noch besser, man zahlt vorab einen Festpreis und muss dann nur noch einsteigen. Hier ist man sich selbst überlassen. Als wir endlich ein Taxi ergattert hatten, wurde unser gesamtes Gepäck auf den Beifahrersitz geladen. Wir haben gerätselt, ob das wohl eine Sicherheitsmaßnahme war. Sicher für den Fahrer war es zumindest nicht, denn alle paar Meter sind unsere Rucksäcke auf ihn draufgefallen.

Gegen 19 Uhr sind wir in unserem Hotel im Stadtteil San Telmo angekommen und mussten mit einem auf 100 Grad aufgeheizten Hotelzimmer Vorlieb nehmen. Man lese und staune, unser winziges Zimmer verfügt über eine Fußbodenheizung, die trotz 25 Grad Außentemperatur auf Hochtouren läuft. Nachdem man das Ding anscheinend nicht abschalten kann wurde uns als Gegenmaßnahme die Fernbedienung für eine Klimaanlage in die Hand gedrückt. Nur leider hat die Klimaanlage nach 10 Minuten den Geist aufgegeben und nur noch klägliche Krächzgeräusche von sich gegeben. Fazit war, dass wir mit offener Zimmertüre (die geht zum Innenhof) geschlafen haben und das wohl auch für die restlichen Nächte so handhaben werden.

Der Hunger trieb uns dann nach Einbruch der Dunkelheit noch vor die Tür. Entgegen der hundertfachen Warnungen, die wir vorher von allen Seiten bekommen hatten, ist das laut unserem Hotelbesitzer natürlich nicht gefährlich.

Einmal mehr hat Argentinien uns mit dermaßen schlechtem Essen überrascht, dass nur noch eine Flasche Rotwein half, um den Geschmack wieder loszuwerden. Egal ob in Ushuaia, in Iguazú oder hier – wo auch immer wir essen waren, es war unter aller Sau. Zum Glück konnten wir mit Dollars bezahlen, was die Rechnungssumme fast halbiert hat. Der offzielle Wechselkurs ist nämlich 8,4 Pesos pro Dollar, im Restaurant gab’s aber 14 Pesos! Der Hammer kam dann, als wir schon am Gehen waren: Kommt der Kellner uns hinterhergerannt und sagt, wir hätten keine 10% Trinkgeld gegeben, es würden noch 38 Pesos fehlen, und die hätte er jetzt gerne. So eine Unverschämtheit… Wir haben ihm unseren letzten 20-Pesos-Schein in die Hand gedrückt und im Anschluss auf TripAdvisor dem Restaurant die schlechtmöglichste Bewertung gegeben.

Heute stand dann erst einmal die Organisation unserer Reise nach Montevideo, Uruguay, auf dem Programm. Über eine Stunde mussten wir warten, bis uns die mäßig freundlichen Mitarbeiter der Firma “Buquebus” endlich ein Ticket zu sündhaftteuren Preisen verkauft haben. Also wenn das jetzt nicht ein Luxusschiff ist, das uns mit Sekt und rotem Teppich empfängt, dann wissen wir auch nicht. Am 9. Oktober geht’s los, 3 Stunden dauert die Überfahrt. Und – tadaaaaaaa – Uruguay ist das 30. Land, das ich in meinem Leben besuchen werde. Die Schiffahrt konnte man als Ausländer übrigens ausschließlich in Dollars bezahlen. Zuversichtlich sind wir also einige Zeit später in den Hop-on-Hop-Off-City-Tour-Bus eingestiegen, nur um gleich wieder rausgeschmissen zu werden: Hier durfte man nur mit Pesos bezahlen. Die wir ja bekanntlich nicht hatten. Es war also klar: Wir mussten irgendwie an Pesos kommen.

Unser Hotelbesitzer hatte uns empfohlen, dass wir uns in die Straße “Florida” begeben, wo eine Menge Typen auf der Straße herumstehen würden, bei denen man Geld wechseln könnte. Wir haben also diese Straße angesteuert und fanden uns in einer Art völlig überfüllten “Fußgängerzone für Alternative” wieder. Hier gab es alles, vom Holzschmuckhändler über E-Gitarre-spielende Musiker bis hin zum Verkäufer von Räucherstäbchen. Dazwischen Menschenmassen. Wir haben einige Zeit gebraucht, um die Geldwechsler ausfindig zu machen. Das Ganze ist natürlich illegal, weshalb die jetzt nicht mit einem großen Schild “Money Exchange” dastehen, sondern einem eher sowas wie “Dólares?” zuflüstern. Uns war das alles schon sehr suspekt, weshalb wir lange mit uns gerungen haben – und uns aber auch gleichzeitig darüber geärgert haben, dass wir so anständig sind und uns so viele Gedanken machen. (Was, wenn die uns Falschgeld geben? Was, wenn die uns in irgendein Office führen und uns dann ausrauben? Was, wenn die Polizei uns sieht?). Als wir mit dem dritten Geldwechsler gesprochen hatten, haben wir dann aber doch zugeschlagen. 100 Dollar, für 13,5 Pesos pro Dollar. Phänomenal. Unauffällig sollten wir der zwielichtigen Gestalt folgen; hinter uns lief sein Komplize. Ich muss gestehen, ich habe Schweißausbrüche bekommen. Wider Erwarten wurden wir aber nicht in ein Office geführt, sondern hinter eine Mülltonne. Und dann ging alles ganz schnell. Der Typ hat 1.350 Pesos abgezählt, wir haben ihm die Dollars in die Hand gedrückt und dann sind alle Beteiligten, so als wäre nichts gewesen, in verschiedene Richtungen auseinandergegangen. Die Scheine scheinen echt zu sein. Starbucks hat sie jedenfalls ohne Probleme angenommen.

Mit unseren Pesos-gefüllten Taschen haben wir uns dann noch einige Zeit durch die Stadt treiben lassen. Buenos Aires war sicher mal eine unglaublich prächtige Stadt, mit wunderschönen Gebäuden. Aber die besten Jahre hat sie längst hinter sich. Es gibt kaum ein Gebäude, das nicht von Graffiti verschandelt ist, bei dem nicht die halbe Fassade abbröckelt, oder das sonstwie heruntergekommen aussieht. Überall in der Stadt liegt Müll herum, was allerdings wiederum gut ist, für die vielen Menschen, die im Müll herumwühlen. Es gibt sehr viele Matratzenlager von Obdachlosen. Und (und sowas haben wir in keinem anderen Land gesehen), es gibt Obdachlose mit kleinen Kindern oder gar Babys! Auch viele andere seltsame Gestalten laufen herum, Betrunkene, Drogenabhängige, und Leute, die sonstwie im Delirium zu sein scheinen. So richtig wohlgefühlt haben wir uns deshalb nicht, und auch unbeschwertes Fotografieren war nicht so richtig möglich. Heute haben wir der Heimatstadt von Diego Maradona und Evita Perón also noch nicht so viel Schönes abgewinnen können. Wir hoffen, dass sich das morgen ändert.

*Erklärung zum Foto: Der Obelisk auf der Avenida 9 de Julio ist ja ziemlich bekannt. Allerdings wurden große Teile dieses Prachtboulevards geopfert, um zwei Busspuren in jede Fahrtrichtung zu bauen. Sogar die Allee-Bäume wurden dafür abgeholzt. Der Prachtboulevard ist jetzt also nicht mehr prächtig, sondern gleicht einem Busterminal. Wir sind deshalb gar nicht bis zum Obelisken gelaufen, sondern haben ihn nur von Weitem fotografiert.

4 Kommentare

  1. Suzy da ist dir glaube ich ein Fehler unterlaufen, das Bankgebäude ist denke ich nicht die Zentralbank Argentiniens sondern eine private Bank. Quasi “Bank von Argentinien” also wie bei uns die “Deutsche Bank”.
    Das dürfte den Gebäudezustand ausreichend erklären 😉

  2. Also jetzt kommts mir langsam so vor, als wärst Du überall gewesen nur nicht in Buenos Aires, mit der Bargeldbeschaffung hattest Du damals recht, allerdings hat sich das erledigt weil es keinen Dollar Blue mehr gibt und der Kurs fast überall gleich ist. An jedem Geldautomaten, davon gibts sehr viele, kann man mit einer Kreditkarte oder auch Maestro-EC Karte 2000 Peso abheben, mit der richtigen Karte sogar kostenlos.
    San Telmo ist natürlich nicht unbedingt ein schönes Viertel aber wenn man Flair haben will, dann sollte man in die Stadtteile Palermo/Soho, Retiro oder Recoleta gehen, dort gibt es auch genügend gute und sehr gute Restaurants wie zum Beispiel das “Calden” in der Malabia Ecke Honduras mit den besten Steaks der ganzen Stadt und Hundehaufen auf der Straße oder Gehweg sind dort genauso viel oder wenig wie in Berlin oder München.
    Ich bin seit 30 Jahren jedes Jahr ca. 8-12 Wochen beruflich in Argentinien und Brasilien unterwegs und habe schon sehr viele Städte und Länder der westlichen Welt gesehen, Buenos Aires ist und bleibt für mich davon eine der schönsten Städte und in den von mir genannten Vierteln kann man abends auch im dunkeln spazieren gehen.
    Ich kann auch Deinen Kommentar zu den Taxis nicht nachvollziehen, vom Flughafen Ezeiza fährt man sowieso entweder mit einem Bus oder einem gemieteten Fahrer in die Stadt(ca. 450 Peso) und am Nationalen Flughafen Jorge Newbery wo nur continentale Flüge starten und landen gibt es hunderte Taxis, aus dem Gebäude raus, über die schmale Straße dort ist eine Art Haltestelle, dort wird einem sogar von einem Helfer der Koffer ins Taxi geladen.

    • Hallo Stefan,
      vielen Dank für Deine interessanten Kommentare!
      Du siehst, Reise-Erzählungen sind immer Momentaufnahmen. Im nächsten Moment kann alles ganz anders sein. Und jeder empfindet auch anders oder hat einen anderen Blick auf die Situation. Das macht Reiseberichte ja so spannend! Gleichzeitig gefällt dem einen das gut, und dem anderen jenes. Mich hat Buenos Aires beim ersten Mal schon nicht überzeugt, und bei meinem zweien Besuch acht Jahre später wieder nicht. Ich kenne auch Leute, die finden Island schrecklich, während ich Island liebe – genau das ist aber das Spannende, die Menschen sind einfach verschieden.
      Die Sache mit den Taxis hatte ich schon fast verdrängt, das war wirklich eine große Katastrophe – aber schön zu hören, dass das anscheinend eine Ausnahme war. 🙂
      Liebe Grüße und viel Spaß weiterhin beim Reisen
      Suzy

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