Raphael Fellmer: Geldstreik aus Protest gegen den Konsum

Raphael Fellmer 02Zwischen elf und zwanzig Millionen Tonnen Lebensmittel werden hierzulande pro Jahr weggeworfen. Jeder von uns ist für den Verbrauch von 5000 Litern Wasser und 150 Kilowattstunden Strom täglich indirekt mit verantwortlich. Viel zu viel, findet Raphael Fellmer. Vor fünf Jahren trat der 31-jährige Berliner deshalb aus Protest gegen die Konsumgesellschaft in den Geldstreik. Wie das funktioniert und was er mit diesem drastischen Schritt erreichen will hat er diese Woche auf einem Vortrag berichtet. Ich war dabei und hatte hinterher auch noch die Gelegenheit persönlich ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Und ich muss sagen: Raphael hat mich echt zum Nachdenken gebracht.

Hier mein Bericht:

Es sind noch gut zwanzig Minuten bis zum Vortragsbeginn, und trotzdem platzt der kleine Vortragssaal schon aus allen Nähten. Eilig werden zusätzliche Stühle herbeigeschafft, aber die reichen bei Weitem nicht für alle Gäste, die sich in immer größerer Zahl hereindrängen. Zwischen Ihnen trägt jemand schwere Kisten umher. Es ist eine Mitarbeiterin der Organisation Foodsharing, die sich für die Rettung von Nahrungsmitteln einsetzt. Karotten und Sojabohnen, Kohlköpfe und kiloweise Backwaren hat sie dabei. „Das alles wäre weggeworfen worden, wenn wir es nicht gerettet hätten“, erklärt Foodsaverin Brigitte Adelmann den Gästen. „Heute darf sich jeder daran bedienen und etwas davon mit nach Hause nehmen.“ Als es schließlich 19 Uhr ist, hat selbst der Vortragsreferent Mühe den Raum zu betreten. Langsam bahnt er sich seinen Weg durch die Menge: Raphael Fellmer, 31 Jahre alt, verheiratet, zwei kleine Kinder. Vor fünf Jahren hat er das Geld in seinem Leben abgeschafft. Aus Protest gegen die Verschwendung von Ressourcen, gegen die Umweltverschmutzung und den Konsum. Da in unserer Überflussgesellschaft sowieso alles in viel zu großer Menge vorhanden sei, brauche es kein Geld, um gut leben zu können. „Glücklich leben ohne Geld“ lautet demnach auch das Thema seines Vortrags.

Als Fellmer schließlich vor seinem Publikum steht, in verwaschener Jeans und einem gestreiften Pulli, mit Ziegenbart und Pferdeschwanz, legt sich erwartungsvolle Stille über den Saal. Die Zuschauer starren ihn an, scheinen anhand des ersten Eindrucks festmachen zu wollen, ob da ein Spinner vor ihnen steht oder jemand, der wirklich etwas zu sagen hat.

Und dann beginnt er zu erzählen, mit lauter Stimme, wild gestikulierend, mit absoluter Überzeugung für das, wofür er lebt. Schon früh habe er sich gefragt, warum es ihm so gut gehe und anderen so schlecht. Und immer wieder habe er darüber sinniert, was er gegen diese Ungerechtigkeit tun könne. „Am Anfang dachte ich, ich mache irgendwas mit Geld und helfe so den Menschen, die das am dringendsten brauchen“, erklärt Fellmer seinem Publikum. Doch schließlich habe er festgestellt, dass es in unserer Gesellschaft sowieso von allem viel zu viel gäbe, und es daher sinnlos sei, mit Geld noch mehr davon zu kaufen. „Knapp die Hälfte der Lebensmittel, die wir produzieren, landen nicht in unseren Mägen. Vieles verkommt auf den Feldern, vieles landet in den Abfallcontainern der Supermärkte, vieles in den Mülleimern der Haushalte“, berichtet der 31-jährige. „Es sind genug Nahrungsmittel für alle vorhanden, nur landen diese am falschen Ort. Anstatt Geld dafür auszugeben müsste man sie nur vor der Vernichtung retten.“ Doch nicht nur Nahrungsmittel gäbe es im Überfluss, auch viele weitere Gegenstände können gerettet und dadurch kostenfrei verwendet werden. Andere Dinge wiederum, wie Telefon und Internet, können von vielen Menschen gemeinsam benutzt werden, nur würde das so in unserer Gesellschaft leider kaum praktiziert werden.

Darüber hinaus rufe nahezu alles, was wir mit Geld neu kaufen, in irgendeiner Weise Umweltverschmutzung und Ressourcenverschwendung hervor. „Es ist lobenswert, wenn jemand zuhause darauf achtet, Strom und Wasser zu sparen. Aber wie viel Energie und Wasser für die Produktion dieser ganzen Güter, die wir tagtäglich kaufen, aufgewendet werden muss, darüber machen sich die wenigsten Gedanken“, berichtet der Umweltschützer. Für den Verbrauch von 5000 Litern Wasser und 150 Kilowattstunden Strom sei jeder von uns durch seinen Konsum pro Tag indirekt mit verantwortlich. Virtuelles Wasser und graue Energie nenne man das, erklärt Fellmer.

Raphael Fellmer

Raphael und ich, leider etwas verwackelt

Die Schuld an all diesen Missständen könne man jedoch nicht den Produktionsfirmen oder den Supermärkten geben, sondern nur uns selbst. „Alles, was da draußen passiert ist so, weil wir so leben wie wir leben. Jeder von uns unterstützt das System. Damit sich etwas ändert, müssen wir uns ändern“, erklärt der Konsumverweigerer. „Unser Planet ist endlich. Im Moment leben wir so, als gäbe es irgendwo einen Back-Up-Planeten, auf den wir einfach auswandern, wenn hier alles kollabiert ist. Aber dieser Planet existiert nicht.“

Fellmer ist 26, als er zu dem Schluss kommt, dass Geld eine der treibenden Kräfte dieses Teufelskreises ist. Er überlegt, ob ein Leben ohne Geld funktionieren könnte. Eine Reise nach Mexiko wird zum ersten Test der Geldverweigerung. 15 Monate ist er unterwegs, überall trifft er auf hilfsbereite und gastfreundliche Menschen. Geld braucht er nahezu keines. Zurück in Deutschland baut er seinen Konsumstreik, oder das „Experiment gegen die Verschwendungsgesellschaft“, wie er es nennt, aus. Zusammen mit seiner Frau Nieves findet er in Berlin eine Wohnung, die ihm Unterstützer kostenlos zur Verfügung stellen. Nahrungsmittel sucht er in den Müllcontainern von Berliner Supermärkten. Dort wird er fündig, und zwar im Überfluss. Dass so viele brauchbare und gute Nahrungsmittel einfach weggeworfen werden, während woanders Menschen verhungern, lässt Fellmer keine Ruhe. Er beginnt, nach Lösungen für diese Verschwendung zu suchen und ruft Läden, Bäckereien und Supermärkte dazu auf, unverkäufliche, aber noch genießbare Nahrungsmittel lieber zu verschenken als sie einfach wegzuschmeißen. Eine erste Kooperation entsteht mit einem Berliner Biosupermarkt. Fellmer kämpft weiter. In der Folgezeit wird er zur Leitfigur der Internetplattform Foodsharing.de, die eigens zur Rettung von Nahrungsmitteln ins Leben gerufen wurde. „Knapp 1.300 Betriebe machen bei Foodsharing mittlerweile mit, rund 70.000 Foodsharer haben sich bislang angemeldet. Mit sehr wenig Geld haben wir also etwas aufgebaut, was bei so vielen Menschen zu einem Sinneswandel geführt hat.“ Fellmers Augen leuchten, als er darüber berichtet.

Mittlerweile hat Fellmer zwei Kinder, drei Jahre und acht Monate alt. Für eines davon hätten sie Kindergeld beantragt, das seine Frau Nieves in die Krankenversicherung für die Familie investiere. Nieves würde nicht komplett, aber weitestgehend geldfrei leben, berichtet er. Wobei „geldfrei“ ein relativer Begriff sei. Auch wenn er selbst kein Geld verwende, habe er ja trotzdem immer und überall mit Geld zu tun. Denn natürlich sei auch ihm bewusst, dass jeder Gegenstand, den er benutzt, irgendwann einmal mit Geld erworben wurde und dass auch der Strom und das Wasser in der ihm zur Verfügung gestellten Wohnung Geld kostet. „Deshalb möchte ich Geld auch auf gar keinen Fall verteufeln“, erklärt der Fellmer. „Ich möchte nur die Zusammenhänge erklären. Mein geldfreies Leben sehe ich als Provokation und als Protest gegen den Überfluss. Dass ein absolut geldfreies Leben derzeit nicht wirklich möglich ist, ist auch mir klar.“

90 Minuten Vortragszeit sind um. Fellmer bittet das Publikum, Fragen zu stellen. Vor allem für die Zukunft seiner Kinder interessieren sich die Teilnehmer. Er hoffe, dass sie einmal das, was er ihne vorlebt, weiterführen werden, berichtet der 31-jährige. Vom deutschen Schulsystem und vor allem von der Schulpflicht halte er allerdings nichts. Er plane, vor der Einschulung seiner Kinder Deutschland zu verlassen. Andere Teilnehmer möchten mehr über seinen Alltag wissen. Wo er denn Zahnpasta, Duschgel und Windeln herbekommen würde, fragt jemand. „Glauben Sie, dass so etwas nicht in den Mülltonnen der Supermärkte landet?“, gibt Fellmer zurück. Und wieder andere machen bei der kleinen Fragerunde ihrer Skepsis Luft. Das könne doch alles nicht funktionieren, ruft ein Teilnehmer nach vorne. Spontan pflichten ihm andere bei. Die meisten der Zuschauer sehen allerdings nachdenklich aus. Raphael Fellmers Begeisterung für eine bessere Welt und seine Bereitschaft, dafür Opfer zu bringen, scheint an ihnen nicht spurlos vorbeigegangen zu sein. Als der Vortrag schließlich zu ende ist leert sich der Vortragssaal nur zögerlich. Manche suchen das persönliche Gespräch mit Fellmer, andere informieren sich bei den Mitarbeitern von Foodsharing und viele bleiben auch einfach nur sitzen und diskutieren mit anderen über das Gehörte.

***

„Glücklich leben ohne Geld“ war für mich ein außergewöhnlicher Vortrag. Ich muss zugeben, ich war vorher recht skeptisch, was mich da erwarten würde. Ich hatte befürchtet, dass Raphael zu diesen Gutmenschen und Weltverbesserern gehört, die einem schon nach fünf Minuten auf die Nerven gehen. Aber weit gefehlt, es war ganz anders. Raphael ist eben nicht als jemand aufgetreten, der versucht, sein Publikum davon zu überzeugen, zukünftig ohne Geld zu leben. Sein Ziel ist vielmehr, dass wir alle unsere Konsum- und Handlungsmuster hinterfragen. Um dann selbst ein kleines Stück zu dieser besseren Welt beizutragen, von der er so sehr träumt. Das hat er super rübergebracht, und was er möchte, ist auch wirklich nicht zu viel verlangt.

Raphaels Homepage: www.raphaelfellmer.de
Raphael hat auch ein Buch geschrieben mit dem Titel „Glücklich ohne Geld“. Das gibt es kostenlos auf seiner Homepage zum Download: Hier klicken
Und hier noch die Homepage von Foodsharing: foodsharing.de

 

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