Masse statt Klasse (Besuch auf Machu Picchu)

Etwas erfreuliches zu Beginn: Heute (Tag 6 in Cusco) hatten wir zum ersten Mal brutal heißes Wasser in der Dusche, und außen scheint die Sonne. Gut für unsere Erkältungen! Aber ich will ja eigentlich über unseren gestrigen Besuch auf Machu Picchu berichten. Seid gewarnt: Wer sich nicht desillusionieren lassen möchte, sollte vom Lesen der folgenden Zeilen lieber Abstand nehmen. Alle anderen sind herzlich dazu eingeladen, unserem Abenteuer beizuwohnen.

Dieses begann um 05:15 Uhr morgens, als das bestellte Taxi nicht kam. Selbiges sollte uns zum Bahnhof nach Poroy fahren, von wo uns der “Vistadome” Zug innerhalb von 3,5 Stunden nach Aguas Calientes, alias Machu Picchu Pueblo, bringen sollte. In diesen 3,5 Stunden legt der Zug übrigens sage und schreibe 92 Kilometer zurück. Das nenne ich Zugfahren! Poroy wiederum liegt 13km außerhalb von Cusco. Der Bahnhof wurde vor einigen Jahren dorthin verlegt, weil in Cusco immer wieder Betrunkene auf den Schienen geschlafen und so – zum Ärger der Touristen – regelmäßig den gesamten Zugverkehr zum Erliegen gebracht haben.

Als um 05:25 Uhr das Taxi immer noch nicht da war, habe ich den Haus-und-Hof-Sklaven unserer Absteige gefragt, ob es a) nicht möglich sei, einfach ein Taxi auf der Straße anzuhalten und b) ob diese Variante denn auch sicher sei. Klar könnte man das machen, es gäbe sehr viele sichere Taxis. Und tatsächlich, außen auf der Straße waren, der frühen Stunde zum Trotz, viele Taxis unterwegs, die überdimensional riesige Schilder mit “Taxi Seguro” auf dem Dach hatten. Der Haus-und-Hof-Sklave winkt also, nur leider hält kein Taxi Seguro an, sondern irgendein Fahrzeug mit einem ziemlich verschlafenen Typen drin, der sich wahrscheinlich dachte “Cool, ich verdiene mir jetzt ein paar Soles, indem ich ein paar Touristen irgendwo hinfahre”. Ehe wir uns versahen saßen wir auch schon bei diesem Fremden in seinem Privatfahrzeug und haben uns innerlich auf den “Millionaire’s Trip” vorbereitet. So werden die Express-Entführungen von Touristen genannt, bei denen man unter vorgehaltener Waffe zum Geldautomaten kutschiert wird und sein Konto leerräumen muss. Einzig und alleine die vielen religiösen Bildchen, die im Auto des Möchtegern-Taxifahrers herumhingen, gaben uns ein bisschen Sicherheit. Wenn jemand so gläubig ist, kann er ja schlecht einen auf Verbrecher machen. Und natürlich war mal wieder alles nur halb so schlimm – mit 35km/h Höchstgeschwindigkeit tuckerten wir sicher nach Poroy (ob es das Auto oder die Fahrkünste des Fremden waren, die eine höhere Geschwindigkeit nicht zuließen, war leider nicht herauszufinden).

Pünktlich um 06:40 Uhr startete dann der wirklich schöne Vistadome-Zug seine Fahrt gen Machu Picchu. Der Zug verfügt über Panoramafenster und über einen 1A Bordservice. Da wird einem die Beerensauce für die Pfannkuchen noch persönlich vom Diener mit dem Löffel auf den Teller gekippt, was angesichts des Zug-Geruckels vermutlich bei jedem 10. Mal schiefgeht und stattdessen auf der Hose des Touristen landet. Die Fahrt auf dem einspurigen Gleis führt stets entlang des Urubamba-Flusses, durch urwaldähnliche Vegetation, vorbei an riesigen, teilweise schneebedeckten Bergen. Traumhaft und absolut empfehlenswert. 10 von 10 Punkten.

Die Eupohrie hört dann schlagartig auf, wenn man in Aguas Calientes angekommen ist. Ein assiges Dorf, zu dem nur dieser Zug und keine Straße führt. Die ganze Stadt ist ein einziger Ramsch-Markt, durch den man sich erstmal quälen muss, um zum Bus zu gelangen. Dieser bringt einen über eine unbefestigte, 8km lange Serpentinenstraße zu Machu Picchu. Leider wollen aber 2.000 andere Touristen da gleichzeitig auch hin, weshalb man sich erstmal in eine 500m lange Schlange einreihen muss. Immerhin gibt es 24 Busse à 30 Passagiere, die permanent rauf und runter fahren (und dabei inmitten der Menschenmassen jedesmal waghalsige Wendemanöver vollbringen müssen – wir wollten gar nicht wissen, wie oft da jemand unter die Räder kommt), aber selbst das reicht einfach nicht aus. Für mehr Busse ist einfach kein Platz, die ganze Stadt und die ganze Inkastätte ist offensichtlich total am Limit. Und für die Busfahrt wird natürlich gleich nochmal ordentlich abkassiert.

Hat man dann mal einen Platz im Bus ergattert (aufs Klo müssen sollte man bei dem ganzen Unterfangen natürlich am Besten überhaupt nicht, weil auch die Anzahl der Toiletten für einen derartigen Touristenansturm bei Weitem nicht geschaffen ist), wäre es gut, noch schnell sein Testament zu machen. Mit Vollgas brettern die Busse die Straße rauf (Leitplanken gibt es nur meterweise), ungeachtet des Gegenverkehrs und des Abgrundes, der sich unter einem auftut.

Sobald man dann angekommen ist darf man sich in eine neue Schlange einreihen, für die Einlasskontrolle. Und dann geht der Spaß erst richtig los: Um den ersten großartigen Blick auf Machu Picchu zu erhaschen muss man erst eine zeitlang serpentinenartig einen Hang hinauflaufen. Der Weg hier ist aber nur ungefähr einen Meter breit, und die 2.000 weiteren Anwesenden Erdenbürger wollen natürlich da auch hinauf. Wenn man auf Geschiebe, Geschubse und Gedrängel steht, dann ist das der perfekte Ort für einen! Der großartige Blick wird dann natürlich ebenso von Menschenmassen gestört wie eigentlich der ganze Rest von Machu Picchu. Es gibt eine vorgeschriebene Laufrichtung, viele Flächen dürfen überhaupt nicht mehr betreten werden, und das Ganze macht wirklich recht wenig Spaß. Ein Feeling, dass man hier an einer absolut besonderen und einmaligen Stätte ist kann überhaupt nicht aufkommen. Ein derartiges “Exklusiverlebnis” mit so vielen (sorry, aber teilweise echt primitiven und peinlichen) Menschen teilen zu müssen, ist einfach zum Kotzen. Einzig und alleine die atemberaubende Lage der Stätte, inmitten von nebelverhangenen Hügeln, ließ sich bis zu einem gewissen Grad genießen. Ich hatte, trotz der ganzen Warnungen auf Trip Advisor und überall, mehrmals das Gefühl, losheulen zu müssen. Ich war 2006 da, und damals war es noch ein Erlebnis. Aber jetzt… Oh Gott, es ist schrecklich, wie sich manche Dinge entwickeln.

Insofern haben wir uns mehr oder weniger lustlos ungefähr zwei Stunden durch die Ruinen geschoben und verzweifelt nach einem freien Stein gesucht, auf dem man sich mal für eine Weile niederlassen konnte. Der Schock kam dann, als wir wieder zurück nach Augas Calientes fahren wollten: Die Schlange der Busfahrwilligen war endlos lang. Wir haben mitgezählt, wie viele Busse nötig waren, bis wir endlich einsteigen konnten: 16 Stück – das heißt, dass 540 Menschen vor uns in der Schlange standen!!!!! Über eine Stunde haben wir also gewartet, bis wir schließlich völlig fertig wieder am Ramschmarkt angekommen waren. Ich war wirklich froh, dass der ursprünglich von uns gewünschte Rückfahrzug schon ausgebucht gewesen war und wir einen späteren nehmen mussten. Angesichts der ganzen Verzögerungen hätten wir den ursprünglichen Zug schier gar nicht erwischen können.

Schließen möchte ich diesen, zugegebenermaßen etwas deprimierenden Beitrag, mit einem Zitat von einem Machu-Picchu-Kritiker auf Tripadvisor. Er hat geschrieben, dass für ihn Machu Picchu stellvertretend für ganz Peru steht: Incredible potential, but horrific mismanagement.

Heute werden wir nochmal ein bisschen unsere Erkältungen kurieren, und morgen lassen wir dann Cusco hinter uns. Mit dem Bus geht es weiter nach Puno, auf die peruanische Seite des Titicacasees.

5 Kommentare

  1. Jetzt dachte ich ihr macht da ne Mega individuelle Reise an unbekannte Orte und dann doch nur Mainstream ;P
    Schon blöd immer diese Touristen im Urlaub ;P

    • Ja wirklich, Du hast schon recht. Allerdings muss ich schon sagen, dass gefühlte 0 Grad draußen, eine klitzekleine Elektroheizung im Zimmer, ein totaler Wasserausfall im Hostel und die nicht abebbende Erkältung an den Nerven zerren. Ein Umzug ins Marriott um die Ecke ist in greifbarer Nähe!

  2. Bin gerade über diesen etwas missmutigen Beiag gestolpert, sehr interessant. Man darf eben keinen Tagesausflug von Cusco nach Machu Picchu machen, das ist ein Riesenfehler. Man kann in Aguas Calientes übernachten, das ist gar nicht so übel, wenn die Tagestouristen weg sind! Und dann steht man ziemlich alleine morgens um sechs in Machu Picchu, und das ist der Hammer..

    • Da hast Du natürlich recht, und wenn wir diese Reise wieder machen würden, dann würden wir es mit Sicherheit genauso machen, wie Du es vorschlägst. Was allerdings meinem “Missmut” so viel Futter gegeben hat, war die Tatsache, dass ich eben 2006 Machu Picchu schon einmal einen Besuch abgestattet habe und einen direkten Vergleich zwischen “damals” und “heute” hatte. Und das hat mich dann schon traurig gestimmt…

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