Kanada/Nova Scotia (12): Auf Sylt! (Prince Edward Island)

Unser Aufenthalt auf Prince Edward Island, der kleinsten Provinz Kanadas, war so eine Art “Urlaub im Urlaub”. Hier kann man an weißen Sandstränden entlangflanieren, kilometerweit durch Wiesen und Felder fahren und zahlreichen Leuchttürmen einen Besuch abstatten. Untergekommen sind wir im Bed & Breakfast von Stacy und Randy, wobei mir Stacy gleich sympathisch war, da sie einige Stunden zuvor eine Wurzelbehandlung über sich hatte ergehen lassen. Sie wollte mich gleich als neue Patientin für ihren Zahnarzt gewinnen, aber ich habe dankend abgelehnt.

Prince Edward Island ist ein Inselchen mit etwa 140.000 Einwohnern, das seit 1997 über eine Brücke mit dem Festland verbunden ist. Mit fast 13 Kilometern ist das die längste Brücke Kanadas. Zuvor gab es nur eine Fähre, und uns wurde gesagt, dass es damals viele Menschen gab, die ihr ganzes Leben lang Prince Edward Island kein einziges Mal verließen. Die Brücke ist übrigens nur einspurig (pro Fahrtrichtung) und kostet für jedermann, egal ob Tourist oder Einheimischer, knappe 50 (!) Dollar Maut.

Gutes Essen in Charlottetown

Die Hauptstadt von Prince Edward Island heißt Charlottetown – mit Abstand das schönste Städtchen (34.000 Einwohner) auf unserer Reise. Denn dort gab es nicht nur richtige Läden (!), eine Fußgängerzone (!) und Gehsteige (!), sondern auch Restaurants (!!!). Richtig echte Restaurants mit richtig echtem guten Essen! Sogar ein Biorestaurant haben wir entdeckt! Wir waren zu diesem Zeitpunkt essenstechnisch so ausgemergelt, dass wir tatsächlich an drei Abenden nacheinander essen gegangen sind, was unsere Ausgaben in astronomische Höhen getrieben hat.

Die meisten Häuser, die wir in Kanada gesehen haben, waren übrigens sehr schön hergerichtet, mit irgendwelchem Dekozeugs im Garten wie zum Beispiel Kürbissen, Holzfiguren oder süßen kleinen Leuchttürmen. Gartenzäune gab es grundsätzlich nicht. Selbst wenn mehrere Häuser direkt  nebeneinander standen gab es keine Markierung der Grundstücksgrenze – keine Ahnung, wie die Leute kapieren, wo sie mit dem Rasenmähen aufhören müssen. Das Seltsame war jedoch, dass alle Gärten, Terrassen und Veranden komplett tot waren. Die Menschen waren selbst an schönsten Sommertagen nicht draußen. Wir haben nie jemanden draußen sitzen oder im Garten herumwerkeln sehen. Es war uns ein totales Rätsel, warum man alles so liebevoll herrichtet, wenn man sich dort doch gar nicht aufhält.

Leuchttürme und Heidegras

Prince Edward Island selbst hat mich ziemlich an Sylt erinnert. Neben den bereits erwähnten weißen Sandstränden gab es viel heideartige Graslandschaft und eine Menge Leuchttürme. Einer davon ist jener Leuchtturm, der 1912 als erster die Notrufe der Titanic aufnahm. Das erfährt man aber nur als Insiderinformation von Einheimischen – als wir an dem Leuchtturm ankommen wies kein Schild und keine Informationstafel darauf hin, was für ein geschichtsträchtiger Ort das ist.

Sehr schön waren auch die “Singing Sands”, ein Strand, dessen Sand ziemlich laute, seltsame Quietschtöne von sich gibt, wenn man darüberläuft. Und: Auf Prince Edward Island gibt es jetzt Amish! Erst letztes Jahr haben sich – zur Freude der Einheimischen – 60 Angehörige der Amish dort angesiedelt, um Landwirtschaft zu betreiben. Sie haben leerstehende Farmen aufgekauft, die Stromleitungen gekappt (Stromleitungen nach extern sind bei den Amish verboten; Strom wird durch hauseigene Generatoren erzeugt) und mit der Nachbarschaft allerlei Abkommen in Sachen Telefonnutzung und Mitfahrgelegenheiten getroffen. Das Schild mit der Kutsche (oben links) wurde eigens auf Prince Edward Island neu eingeführt, damit die (wenigen) Autofahrer nicht überrascht sind, wenn plötzlich eine Kutsche aus einer Hauseinfahrt geschossen kommt. Ein tolles Erlebnis für mich war, dass wir tatsächlich eine kleine Gruppe Amish am Straßenrand entlanglaufen sahen. Es war wie ein Stück Mittelalter in der Neuzeit – sehr beeindruckend. 

Adopt a Corner

Was wir auch toll fanden, war die “Adopt a Corner” Idee, die in ganz Charlottetown umgesetzt wurde. Man konnte eine Straßenecke adoptieren und sie bepflanzen. Jede solche Ecke wurde mit einem Schild versehen, auf dem der Name des Adoptanten stand. Das ist doch mal eine sinnvolle Sache, um Städte grüner und schöner zu machen! Während wir noch die ganzen “Adopt-a-Corner”-Ecken bestaunt haben hat uns übrigens ein Einheimischer angesprochen – er wollte sich vergewissern, ob die Berliner Mauer jetzt eigentlich wirklich offen ist…

Insgesamt hat uns Prince Edward Island gut gefallen. Es war zwar auch nicht das Kanada, das wir uns vorgestellt hatten, aber es gab viel zu sehen, man konnte schöne Strecken mit dem Auto abfahren und da selbst dort Tim Hortons an jeder Ecke vertreten war hat es uns an nichts gemangelt. Die drei Tage auf “Sylt II” sind im Vergleich zum restlichen Urlaub echt schnell vergangen.

Für die Rückfahrt nach Nova Scotia haben wir uns gegen die Brücke und für die Fähre entschieden. Die bringt Passagiere und Autos in 75 Minuten zurück aufs Festland. Unser nächstes Ziel hieß Cape Breton Nationalpark – angeblich eines der schönsten Fleckchen in Nova Scotia.

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