In der Geisterstadt (São Domingos | Portugal, Tag 12)

sao-domingo-portugal-10“This is the most beautiful thing you have ever seen”, sagte der Franzose zu uns, der uns den Weg zur alten Mine von São Domingos wies. Uns ist nach wie vor nicht ganz klar, wie ein komplett vergiftetes Stück Mondlandschaft das Schönste sein kann, was wir je gesehen haben. Was aber definitiv zutrifft: Die Mine von São Domingos gehört zu den gruseligsten und abgefahrensten Orten, die wir je betreten haben.

Ich hatte im Reiseführer nur “Geisterstadt” gelesen und wusste schon: Da müssen wir hin! Zumal es dort auch noch das “Alentejo Star Hotel” gibt, ein Vier-Sterne-Hotel mit einem Observatorium auf dem Dach zum unglaublichen Preis von 46 Euro pro Nacht. Die Kritiken dieses Hotels im Internet waren etwas seltsam: “Trist”, “Depressiv”, die Stimmung des Ortes würde sich “auf das Hotel übertragen”. Das klang seltsam.

Von Norden kommend gelangt man nach São Domingos über eine mehr oder weniger schnurgerade Allee-Straße, die etwa VIERZIG Kilometer lang ist. Nichts als Bäume links und rechts, keine anderen Autos, kaum Häuser… Konkret gesagt: São Domingos liegt im Nichts. Da wir erst wieder auf den letzten Drücker anrollten, konnten wir uns aber erstmal nur wundern. Denn in São Domingos standen überall bewohnte Häuser, und alles war beleuchtet. Wie eine Geisterstadt hat das nicht so recht gewirkt.

sao-domingo-portugal-6Das Alentejo Star Hotel ist im Haus des ehemaligen Minendirektors untergebracht und dementsprechend nobel. Das Gebäude wurde für 4,6 Millionen Euro (natürlich EU-Gelder) wieder hergerichtet, nachdem die Mine in den 60er Jahren stillgelegt wurde und dann alles immer mehr verfallen ist. Anscheinend waren die EU-Gelder einzig und alleine für dieses Herrenhaus da, während der Rest der Stadt die Ärmlichkeit verkörpert, die wir bislang überall (zum Glück vergeblich) suchten. São Domingos war das erste (und einzige) Städtchen auf unserer Reise, in dem es außerhalb der Hauptstraßen nur unbefestigte, staubige Wege gab und die Menschen in lächerlich winzigen Häuschen hausten.

Und die Hotelkritiken im Internet hatten recht. Das Hotel war irgendwie… komisch. Es gab eine top sao-domingo-portugal-7gepflegte Außenanlage mit Pool und Orangenbäumen, ein schönes Restaurant, eine tolle Bar, aber trotzdem haben wir uns seltsam unwohl gefühlt. Da wussten wir ja auch noch nicht, was 200 Meter weiter für eine Gruselstätte liegt. Denn eins ist klar: Oh ja, die Stimmung dieses Ortes war im Hotel geradezu greifbar.

Unmittelbar hinter dem Hotel stand ein unscheinbares, handgeschriebenes Schild mit der Aufschrift “Minas / Ruinas”. Und was dann kam, hat unsere kühnsten Vorstellungen übetroffen. Die Mine von São Domingos ist ein riesiges, staubiges, steiniges und komplett verseuchtes Gelände, auf dem zahlreiche zu Ruinen verfallene Gebäude stehen, inklusive einer alten, 15 Kilometer langen Bahnlinie. Man fühlt sich wie auf dem Mond. Überall stehen Schilder, dass man ja nichts anfassen und sich nicht zu nahe zu den Gebäuden begeben soll. Der Boden, und vor allem die wassergefüllten Schächte, der Fluss und alle sonstigen “Wasserlachen” innerhalb des Minengeländes haben durch die Verseuchung teilweise skurrile Farben (rot, braun, lila). Es riecht ganz seltsam, und alles wirkt bedrückend tot und lebensfeindlich.

Die Mine, in der alles Mögliche (Silber, Gold, Kupfer, Zink) abgebaut wurde, wurde von 1858 bis 1966 betrieben und geht teilweise bis zu 400 Meter tief. Als die Mine geschlossen wurde, verloren die meisten der Bewohner von São Domingos ihren Job und leben seitdem in ärmlichen Verhältnissen. Die einstige Minenfirma hat sich nie um die Umweltverschmutzung gekümmert, laut Wikipedia nimmt die Verseuchung mittlerweile beunruhigende Ausmaße an. In der Satellitenansicht von Google Maps kann man das ganz wunderbar nachverfolgen: Der Fluss, der aus der Mine kommt, fließt natürlich samt seiner giftigen Inhaltsstoffe in einen “normalen” Fluss an der spanischen Grenze. Dass da nichts getan wird, ist absurd. Noch absurder ist, dass einzig und alleine ein Damm das kontaminierte Wasser von einem großen Badesee mit Strand und Campingplatz in der Stadt abhält. Laut Internetquellen sickert das Wasser dort, vor allem bei starken Regenfällen, gerne mal durch. Die meisten Touristen, die im Internet Bewertungen für den Badesee und den Campingplatz abgaben, scheinen aber nicht in der Lage gewesen zu sein, den Zusammenhang zwischen dem verseuchten Gebiet und dem Badesee herzustellen, während wir im Hotel inständig gehofft haben, dass der Tee nicht aus Leitungswasser zubereitet wurde.

Wir sind nicht viel in der Mine herumgelaufen, sondern haben das meiste aus vom Auto fotografiert, aber es hat sich trotzdem so angefühlt, als wäre die Verseuchung ansteckend. Einmal hatten wir den Eindruck, dass wir mit dem Auto nicht weiterkommen und sind etwa 200 Meter zu Fuß gelaufen. Mir liefen regelrecht Schauer über den Rücken. Als wir gesehen haben, dass die Straße doch fahrtauglich ist, sind wir geradezu zurück zum Auto gerannt, um nicht weiter den seltsamen Geruch einatmen und den verseuchten Boden berühren zu müssen. Das war wirklich ein seltsamer Ort, und die bedrückte Stimmung haben wir noch eine ganze Weile mitgenommen. Aber wie oben schon geschrieben: An Abgefahrenheit übertrifft dieser Ort alles, ein Besuch ist definitiv ein Muss!

Den restlichen Tag über haben wir Strecke gemacht und sind schnurstracks auf die Algarve zugefahren. Auch diesmal war auf allen Straßen gähnende Leere, Ortschaften gab es so gut wie keine, sondern lediglich Landschaft pur. Als wir nach ungefähr 40 Kilometer Fahrt durchs Nichts in der 3.500-Einwohner-Stadt Almodovar ankamen, um dort eine Kaffeepause einzulegen, wurden wir tatsächlich zum ersten Mal in diesem Urlaub von den Einheimischen wie zwei Außerirdische angestarrt. In Almodovar war es auch das erste Mal, dass wir nicht mal mit Spanisch weiterkamen! Und unglücklicherweise haben wir ausgerechnet dort volle Kanne die Felge unseres untermotorisierten Pseudo-SUVs geschrottet. Auf der Weiterfahrt durchs Nichts gab es auf jedem Strommast ein Storchennest (siehe Foto oben), und alle paar Hundert Meter eine Bushaltestelle – keine Ahnung wer dort im Nirgendwo jemals ein- oder aussteigen möchte…

Und wir hatten uns so fest vorgenommen, an der Algarve zu campen. Aber als wir endlich ankamen, sind wir nur noch ins nächste Café gewankt und waren nicht mehr in der Lage aufzustehen. Wie immer wollten wir uns nur noch aufs Bett werfen und entspannen. Also haben wir im Internet nach einer günstigen Pension gesucht und zugeschlagen. Und als wir uns dann endlich aufraffen konnten, das Café zu verlassen, haben wir festgestellt: Unsere Unterkunft ist im gleichen Gebäude wie das Café, nur ein Stockwerk höher. Wir haben aber auch immer ein Glück! Im Hotelzimmer hat der Lars verbotswidrig unseren Campingkocher angeschmissen, uns ein Nudelgericht zubereitet und den restlichen Abend haben wir gelesen. Herrlich!

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