Fernweh Festival Erlangen, Tag 2: Mit Michael Martin in die Wüste

2015-11-22 Fernweh FestivalAm 2. Tag des Erlanger Fernweh-Festivals wurden wir im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste geschickt. Und zwar von Michael Martin, Fotograf und Wüsten-Fan aus München. Mit seinem Vortrag “Planet Wüste” befindet er sich gerade auf einer mörderischen Tour durch Deutschland; laut seiner Website hat er in seinem Leben schon über 2.000 (!) Vorträge über seine Reisen gehalten. Ich hatte viel Positives über diesen selbsternannten Abenteurer gehört, aber auch viel Negatives. Deshalb war ich ziemlich gespannt.

Wenn ich Reisevorträge in Genres einordnen müsste, würde ich “Planet Wüste” in der Kategorie “Bildband-Bombast-Vortrag” platzieren. 40 Reisen in sechs Jahren hat Michael Martin unternommen, um die Bilder für seinen aktuellen Vortrag zusammenzutragen. Er hat unzählige Flugzeuge, Hubschrauber und Schiffe gechartert. Er hat peinlich genau drauf geachtet, dass auch sein BMW-Motorrad überall mit hinkommt. Und er hat sich ab und an mal eine Anreise gegönnt, für deren Preis man auch “einen besseren Mittelklassewagen” bekommen hätte . Auf diese Weise sind 140 Minuten Vortrag entstanden, die den Zuschauer vom Norpol bis zum Südpol fünfmal rund um die Welt führen. Hochprofessionell, hunderttausende von Euros teuer und vermutlich von allerlei Sponsoren bezahlt. Product Placement an geeigneten Stellen inklusive. Glamping-Faktor ebenso.

Mit den kleinen, feinen, authentischen Abenteuervorträgen hat das alles nichts zu tun. Aber das muss es vielleicht auch gar nicht. Das Ziel von “Planet Wüste” ist wohl ein ganz anderes: Zum2015-11-19 Fernweh-Festival Michael Martin 01 einen natürlich, dem Publikum einzigartige Impressionen aus den einsamen Regionen unserer Erde zu zeigen. Zum anderen vermutlich, eine Art selbst auferlegten Rekord zu brechen. Ich erinnere mich an einen von Michael Martins Facebook-Einträgen, in dem er, irgendwie erleichtert, berichtete, dass die letzte Recherche-Reise für “Planet Wüste” nun auch endlich vorbei sei.

Fangen wir mal mit dem Positiven an: Michael Martin ist ein super Erzähler. Frei zu reden, und zwar auf mitreißende Weise, ist eine Kunst, die jeden Reisevortrag aufwertet. So auch “Planet Wüste”, der ohne Michael Martins begeisternde Erzählung sicher nur halb so gut wäre. Michael Martins Bilder sind erwartungsgemäß der Hammer, und die gezeigten Erfahrungen zum Neidischwerden. Sehr angenehm war, dass er, im Gegensatz zu so manch anderem, sachlich und ohne theatralisch zu werden, auf Umweltzerstörung und Klimawandel hinwies. Besonders gut gefallen hat mir außerdem, dass der Vortrag insgesamt eine sehr persönliche Note hatte: Sehr oft war Michael Martin selbst auf den Fotos zu sehen, auf dem Motorrad, beim Trekking, beim Hundeschlitten-Fahren. Andere würden das vielleicht als Selbst-Inszenierung betiteln, aber ich sage: Michael Martin hat sein Ding gemacht, und nun berichtet er drüber. Absolut legitim. Zu guter Letzt war auch super, dass der Großteil des Vortrags von den “kalten” Wüsten dieser Erde handelte: Arktis, Antarktis, Grönland, Island & Co.

Eher negativ kam bei mir an, dass Michael Martin gefühlt ununterbrochen plötzlich “die einmalige Gelegenheit” oder “das unglaubliche Glück” hatte, irgendwas Besonderes zu machen, zu sehen oder zu erleben. Ständig lernte er “zufällig” Menschen kennen, die ihn weiterbrachten (zumeist Piloten oder Kapitäne). Ich frage mich, ob ich die Kreuzfahrt, die Lars und ich letztes Jahr um Kap Horn herum gemacht haben, nicht auch etwas anders beschreiben hätte sollen: Als wir da in Punta Arenas standen und zufällig dieses Kreuzfahrtschiff sahen. Und ganz zufällig den Ticketverkäufer kennenlernten, wodurch wir plötzlich die einmalige Gelegenheit und das unglaubliche Glück hatten, für eine nicht gerade kleine Summe Geld auf diesem Schiff mitfahren zu dürfen… Nein, jetzt bin ich aber wirklich gemein.

Ein bisschen zwiegespalten sehe ich außerdem die Tatsache, dass das Betreten des Nord- bzw. Südpols für Michael Martin anscheinend wesentlicher Bestandteil des Projekts “Planet Wüste” war – egal, was es kostet. Klar, das hat das Ganze spektakulärer gemacht und dem Vortrag noch eine kleine Portion Abenteuer verpasst. Aber wenn man schon auf Umweltzerstörung hinweist und in einem Vortrag einige die letzten Paradiese unserer Erde dem Publikum näherbringen will – wäre es dann nicht vielleicht besser, darauf zu verzichten, auch noch menschliche Spuren auf den letzten zehn Kilometern zum (fotografisch nichtssagenden) Nord-/Südpol zu hinterlassen? Aber wie gesagt, spektakulär war’s schon anzuschauen.

Fassen wir also zusammen: Wer keinen Abenteuervortrag erwartet, macht bei “Planet Wüste” absolut nichts falsch. Der Vortrag ist trotz seiner ungewöhnlichen Länge kurzweilig und zeigt wirklich außergewöhnliche Bilder. Etwas mehr Authentizität und Zurückhaltung würden der Erzählung allerdings nicht schaden. Trotz aller hier geäußerter Kritik gehört “Planet Wüste” zu den besseren Reisevorträgen, und im Bereich der “hochprofessionellen” Vorträge meiner Meinung nach sogar mit zu den besten.

Hier noch die Website von Michael Martin: www.michael-martin.de

4 Kommentare

  1. Was wir doch ein unheimliches Glück hatten, damals in Quito wir haben einen Piloten und einen Kapitän getroffen, die sind am nächsten Tag Richtung der Galapagosinseln aufgebrochen. Da konnten wir nicht widerstehen 😉

    Nein, Michael Martin, wirklich nur ein kleiner Spaß. Der Vortrag am Wochenende war wirklich richtig klasse und die Reisen bzw. die Orte ein Traum, einer wie der andere!

  2. Danke für den Erfahrungsbericht, ich werde auch bald den Vortrag besuchen und freue mich dank eures sachlichen Berichtes ein wenig mehr auf den Vortrag 🙂 Tolle Seite mit schönen Inhalten habt ihr, Weiter so!

    • Hallo Patrick, vielen Dank für Deinen tollen Kommentar und Dein Feedback! Wir freuen uns sehr, dass Dir unsere Seite gefällt. Viel Spaß bei Michael Martin!
      Suzy

  3. Vielen Dank und viel Spaß beim Vortrag

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