12.700 Kilometer zu Fuß durch die Wildnis
Christine Thürmer und “Laufen. Essen. Schlafen.”

Davon hatte ich noch nie gehört: In Amerika gibt es mehrere Fernwanderwege, jeder um die 4.000 Kilometer lang. Sie können nur in einem schmalen Zeitfenster von etwa fünf Monaten bewandert werden, ansonsten spielt das Klima nicht mehr mit. Auf dem Pacific Crest Trail, der von Mexiko bis zur Kanadischen Grenze führt (4.277 km), versuchen sich jedes Jahr etwa 300 Wanderer; nur Wenigen gelingt es aber, den kompletten Trail zu laufen. Die deutsche Geschäftsfrau Christine Thürmer hat diese Herausforderung gemeistert. Und weil es so schön war, ist sie im Anschluss gleich noch den Continental Divide Trail (4.900 km) und den Appalachian Trail (3.508 km) gelaufen. Das klingt nach einer spannenden Lektüre.

Von Büchern à la “Frauen müssen sich etwas beweisen” lasse ich normalerweise die Finger. Denn meistens kommen solche Erzählungen nicht um eine große Portion Herumgejammer und Rechtfertigungen herum. Aber da auf dem Buch “Laufen. Essen. Schlafen” auch noch ein großer “Spiegel-Bestseller”-Aufkleber prangte, habe ich zugeschlagen.

4.277 Kilometer durch die Widnis

Die Story ist durchaus interessant: Christine Thürmer legt eine steile Karriere als Unternehmensberaterin hin. Als sie überraschend gekündigt wird, beschließt sie – ziemlich untrainiert – den Pacific Crest Trail zu laufen. 4.277 Kilometer, von der mexikanischen Grenze nahe Campo in Kalifornien bis an die kanadische Grenze in British Columbia. Von dem Alltag auf so einer Hardcore-Wanderung zu erfahren, ist durchaus interessant: Wer sich hier nicht das “Ultraleicht-Konzept” zunutze macht, hat keine Chance. Das bedeutet z.B. den Stiel der Zahnbürste abzusägen, um Gewicht zu sparen, keine Ersatzunterhose dabei zu haben und sein Kochgeschirr mit Urin zu reinigen, weil Wasser oft knapp ist oder nicht in ausreichend großen Mengen mitgeschleppt werden kann. Als die Forchheimerin nach über fünf Monaten nach Deutschland zurückfliegt, ist sie vom Wander-Virus so richtig infiziert. Sie möchte auch noch die beiden anderen großen Trails der USA laufen und schmiedet fleißig Pläne. Der Leser dagegen staunt und fragt sich, warum man sich so etwas gleich nochmal antun möchte. Schwieriges Gelände, große Hitze, eisige Kälte, große Höhenunterschiede, gefrorene Schuhe und Socken, hunderte von Flußdurchquerungen, Übernachtungen teilweise nur unter einem Tarp – Respekt, wer das durchhält!

Und dann kam Bob…

Zweieinhalb Jahre nach dem Pacific Crest Trail – Christine Thürmer hat gerade wieder erfolgreich ein Unternehmen saniert – bricht sie erneut auf. Der Continental Divide Trail steht auf dem Programm, den sie von der Kanadischen Grenze nahe East Glacier in Montana quer durch die Rocky Mountains bis nach Mexiko durchwandert. Unglücklicherweise mit Bob. Und da wurde mir mal wieder klar, warum ich keine “Frauenbücher” mag. Christine Thürmer hat nämlich festgestellt, dass sie in den vergangenen Jahren sehr viel gearbeitet hat. Für Beziehungen war da keine Zeit. Deshalb braucht sie dringend “einen Mann”. Sehr gelegen kommt da, dass sie sich für den Continental Divide Trail mit Bob verabredet hat, einem verschrobenen Aussteiger, den sie schon auf der vorangegangenen Wanderung kennengelernt hatte. An diesen schmeißt sie sich vom ersten Tag an ungeniert heran. Nach etwa einer halben Seite ist klar, dass aus den beiden nie etwas werden kann. Bob ist nämlich ein introvertierter Eisklotz, der die Bedürfnisse seiner Wanderkollegin schlichtweg ignoriert. Christine Thürmer will das aber nicht kapieren, weshalb nun etwa hundert Seiten Beziehungsdrama folgen. Christine, wie sie versucht Schluss zu machen. Christine, wie sie im Zelt sitzt und heult. Christine, wie sie sauer ist, weil Bob einfach das Zelt heimschickt, ohne sie nach ihrer Meinung zu fragen. Christine, wie sie zusammenbricht, weil sie mit der Fitness von Bob nicht mithalten kann. Schrecklich nervig und in so einem Buch völlig fehl am Platz. Tatsächlich laufen die beiden den Trail bis zum Ende gemeinsam, um sich dann – der Leser atmet erleichtert auf – doch auf Nimmerwiedersehen zu trennen.

Der Ausstieg nach der Triple Crown

Christine Thürmer hat zu dieser Zeit bereits erneut die Kündigung in der Tasche, so dass sie beschließt, komplett auszusteigen. Sie verkauft ihr Hab und Gut, kündigt ihre Wohnung in Deutschland und bricht nur wenige Monate nach dem Continental Divide Trail erneut auf, um die “Triple Crown” zu ernten – eine Auszeichnung, die all jene bekommen, die alle drei Fernwanderwege erfolgreich hinter sich gebracht haben. Auch den Appalachian Trail meistert sie erfolgreich, alleine, ganz ohne (männliche) Begleitung. Anschließend bricht sie zu Radtouren durch Japan und Australien auf, und wandert seitdem in Etappen quer durch Europa. In einen Job ist sie nicht zurückgekehrt.

Insgesamt eine kurzweilige Lektüre über ein interessantes Thema, nur leider macht die Autorin einfach kein gutes Bild. Im Grunde genommen bewundere ich Menschen, die beruflich erfolgreich sind und von einem Tag auf den anderen alles hinschmeißen, um sich ihrer Erfüllung hinzugeben – was auch immer das sein mag. Bei Christine Thürmer hat das Ganze jedoch den Beigeschmack eines großen Selbstfindungstrips, der erst richtig losging, als ihre Beziehung mit Bob nicht geklappt hat. Momentan schreibt sie an einem zweiten Buch. Ich hoffe, die Lektoren achten darauf, dass sie da etwas besser wegkommt und das Genre “Frauenbuch” dann vielleicht einmal nicht alle Stereotypen erfüllt.

Christine Thürmer
Laufen.Essen.Schlafen. – Eine Frau, drei Trails und 12.700 Kilometer Wildnis
Malik
1. April 2016
288 Seiten
ISBN: 978-3890294711

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.