Die Überraschung, Teil 2: Oh Du schönes Karlsbad!

Eine Kurzbeschreibung von Karlsbad könnte so lauten: Hammermäßige Gebäude, romantisches Flanieren am Fluss, sprudelnde Heilquellen, gutes Essen, nette Menschen und eine russisch-orthodoxe Kirche mit goldenen Zwiebeltürmchen. Aus fotografischer Sicht kannte ich so eine Situation bislang nur aus Island. Alle zwei Meter möchte man ein neues Foto machen, weil man meint, dass die neue Perspektive doch noch ein bisschen schöner ist als die vorherige. Irgendwann muss man sich dann sagen: Pack den Foto weg und genieße einfach.

An zahlreichen Stellen in der Stadt sprudeln die bekannten Quellen, die gegen allerlei Zipperlein helfen sollen. Deswegen rennt in Karlsbad auch so ziemlich jeder, vom Kleinkind bis zum Greis mit einer Schnabeltasse herum (die es an jahrmarktähnlichen Ständen auch überall zu kaufen gibt). Da die ganze Stadt von früh bis abends dieses Heilwasser in sich hineinschüttet, sind auch an jeder Ecke Karlsbads Toiletten zu finden. Sehr praktisch! Quelle heißt auf Tschechisch “Pramen”, ein Wort, das man vorzüglich zu einem deutschen Verb umfunktionieren kann: “Ich geh noch schnell pramen!” – “Hast du heute schon gepramt?”. Einfach die Hand in so eine Quelle zu halten ist (wie ich uninformierter Tourist schmerzhaft festellen musste) keine so gute Idee, denn die Quellen sind kochend heiß…

Neben den Quellen sind die wunderschönen, sehr gepflegten Gebäude in der Stadt und am Ufer des Flusses Tepl sehenswert. Vor allem abends, wenn alles beleuchtet ist, ist der Anblick kaum zu überbieten. Insgesamt ist alles in Karlsbad sehr gehoben – ein teurer Laden reiht sich an den anderen, und Juweliere gibt es wie Sand am Meer. Entsprechend gehoben ist auch das Publikum, während die Preise dennoch überall tschechisch-moderat sind. Parkplätze sind eine Rarität; zum Glück hatten wir über unser (sehr schönes Hotel) einen vorreservieren können (in den man auch gut hineinkam, es gibt da auch abenteuerliche Varianten). Die Zeiten, in denen man in Tschechien Angst um sein Auto haben musste, scheinen auch vorbei zu sein; jedenfalls waren auch Nobelkarossen unbewacht überall geparkt.

Ganz besonderes Entzücken hat bei mir die bereits erwähnte russisch-orthodoxe Kirche ausgelöst, die etwas jenseits des Zentrums in einer Art Wohngebiet thront. Ein künstlerisches Meisterwerk, sowohl von innen (wo man nicht fotografieren durfte), als auch von außen.

Ansonsten gibt es noch einen Aussichtsturm, zu dem man mit einem Funicular fahren kann, sowie diverse Kirchen und Museen, aber ich empfehle, in Karlsbad einfach zu flanieren, das schöne Ambiente zu genießen und den Quellen beim Sprudeln zuzuschauen. Wir sind zahlreiche Male die selben Wege abgelaufen und haben dabei immer etwas Neues entdeckt. Zum Abendessen waren wir stets im gleichen Restaurant am Ufer der Tepl, wo es leckeres Gulasch und guten tschechischen Weißwein gab. Von Sanatoriumscharakter war in der ganzen Stadt übrigens keine Spur, und auch das Publikum war altersmäßig komplett gemischt.

Als es dann ans Heimfahren ging, war ich schon ziemlich traurig. Karlsbad ist eine Stadt, in der man herrlich “nichts” machen kann, ohne sich eine Sekunde zu langweilen. Ich kann jedem empfehlen, dorthin bei Gelgenheit einen Abstecher zu machen – wir werden mit Sicherheit auch bald wiederkommen!

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