Kanada/Nova Scotia (3): Ein Tag in Halifax

An unserem ersten Morgen hatten wir auch gleich unser erstes Erlebnis mit kanadischem Frühstück. Es dominieren süße Sachen wie Waffeln, Muffins oder Kuchen; nur manchmal gibt es auch herzhafte Sachen, über die dann aber mindestens ein Liter Bechamelsoße gekippt wird. Wurst und Schinken werden grundsätzlich nicht angeboten; wenn man Glück hat, gibt es eine Sorte Käse (IMMER Cheddar oder Havarti), die in winzige Stücke geschnitten unter einer ebenso winzigen Glasglocke liegt.

Ohne Waterfront geht gar nichts!

Mehr oder weniger gestärkt haben wir uns als erstes zur “Waterfront” von Halifax begeben. “Waterfront” ist das totale Modewort. Ohne Waterfront geht nirgends was, jedes noch so kleine Kaff verfügt über eine Waterfront. Auch die Attraktivität von Immobilien scheint sprunghaft in die Höhe zu steigen, wenn diese an der Waterfront liegen. Wer dabei an eine romantische Uferpromenade denkt, liegt falsch, denn “Waterfront” ist absolut relativ. Das kann auch bedeuten, dass man allenfalls mit einem Fernglas in zig hundert Metern Entfernung einen Blick auf irgendeine Art von Wasser erhaschen kann. 

Ebenso in Mode wie “Waterfronts” sind übrigens “Boardwalks”, also Wege aus Holzplanken. Legt man irgendwo ein Holzbrett hin, kann man schon fast Eintritt verlangen. Halifax war da ganz findig und hat einen Großteil der Waterfront mit Boardwalks ausgelegt. Trotzdem war die Waterfront eher langweilig – ein Weg aus Holzplanken am Meer entlang, an dem sich ein Fress-Stand neben den anderen reihte.

Wirklich cool: Die alten Friedhöfe

Wesentlich spektakulärer als die Waterfront waren die Friedhöfe. Das ist eine tolle Sache in ganz Nova Scotia: Gräber sind für die Ewigkeit. Deshalb gibt es überall im Land verteilt kleinere und größere Friedhöfe mit teilweise sehr alten Grabsteinen, die noch von den ersten Siedlern aus dem 18. Jahrhundert stammen. Statt Geburts- und Todeszeitpunkt ist auf den Grabsteinen direkt das Alter der Gestorbenen vermerkt,. Das lässt den Besucher aus dem Jahr 2017 schnell erkennen, dass damals das durchschnittliche Sterbealter bei ungefähr 42 Jahren lag. Die Kindersterblichkeit war immens. Wer 60 Jahre alt wurde, hatte vermutlich seinen gesamten Verwandschafts- und Bekanntenkreis überlebt. Eine Erfahrung, die Gänsehaut verursacht. 

Mit dem Auto sind wir dann noch zum Fairview Cementery gefahren, dem Friedhof, auf der die Toten der Titanic-Katastrophe beigesetzt wurden. Leider mit sehr hässlichen, neuen Betonklötzen als Grabsteinen (ich war enttäuscht).

Windspiele wohin das Auge blickt

Danach sind wir einem Tipp aus unserem Reiseführer gefolgt. Ich zitiere: “Stadtteil Hydrostone im Stile einer englischen Gartenstadt. Er ist heute ein beliebtes Wohngebiet mit einer europäisch anmutenden Ladenstraße, wo italienische Pasta, französisches Gebäck und andere internationale Spezialitäten angeboten werden.” Klingt, gut, oder? Fangen wir mit dem Positiven an: In Hydrostone haben wir, unweit von einem Starbucks, ein inhabergeführtes Café gefunden. Sowas hatte leider Seltenheitswert, aber die wenigen Male, dass wir solch ein Café entdeckt haben, war das Angebot immer hervorragend. Der Nachteil: Die machen durch die Bank um 17 Uhr zu.

Cappuccino- und kuchengestärkt sind wir dann durch Hydrostone gelaufen. Also ich würde mal sagen: Da will man nicht abgebildet sein. Eine Ansammlung aneinandergeklebter Holzhäuser in unterschiedlichsten “Gepflegtheitszuständen”. Vom schmucken Palast bis zur Bruchbude stand da alles nebeneinander. Teilweise waren die Gärten total vollgestellt und vollgemüllt, überall Stromkabel über den Straßen, null Privatsphäre, alles mega eng… Und extrem viel Leerstand. Den Eindruck eines “beliebten Wohngebiets” hatten wir da wahrlich nicht. Und das Beste: Jeder, wirklich jeder, hatte dort ein bis zwei Windspiele vorm Haus hängen. Da kann man in windigen Nächten bestimmt gut schlafen.

Unser sehr schönes Zimmer im Waverley Inn.

Insgesamt, und auch das trug sicher zu unserem Kulturschock bei, hätte Halifax auch eine x-beliebige Stadt in Südamerika sein können. Halifax hat definitiv nicht in unser Bild von Kanada gepasst. Wir waren deshalb sehr froh, dass am nächsten Morgen endlich unser Roadtrip beginnen konnte. Wir haben noch einmal dem Atlantic Superstore einen Besuch abgestattet – diesmal mit dem Auto – und uns mit Wasser (wir wussten ja jetzt, wo es zu finden ist) und Vorräten für die nächsten Tage eingedeckt. Dann konnte es losgehen. Destination Lunenburg!

(Unser Gepäck wurde übrigens glücklicherweise im Laufe des Tages nachgeliefert.)

Ein Kommentar

  1. Hi Suzy und Lars,
    wie immer köstlich zu lesen der Bericht über Eure letzte Reise! Was ich besonders gut finde: Ihr schildert Eure Erlebnisse ehrlich und ungeschminkt. In Zeiten, in denen es fast nur noch weich gespülte Reiseberichte und Reiseführer gibt, ist dies keine Selbstverständlichkeit. Wenn Ihr da mal nicht bei dem Einen oder Anderen aneckt. Ich freu mich schon auf Eure nächsten Eindrücke. Weiter so!

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