Kanada/Nova Scotia (2): Im Supermarkt

Da waren wir also in Halifax, unserer Sehnsuchtsstadt, und wussten nichts rechtes mit ihr anzufangen. Halifax wirkt wie ein lieblos zusammengewürfeltes Sammelsurium aus Gebäuden verschiedenster Baustile – vom Holzhaus bis zum Plattenbau -, mit einer schwindelerregenden Zahl an Großbaustellen und schiffscontainertransportierenden LKWs. Eines macht Halifax dem Neuankömmling wirklich leicht: Diese Stadt auf Anhieb nicht zu mögen.

Nach dem Check-In in unserer sehr urigen ersten Unterkunft “Waverley Inn”, haben wir als erstes den etwa 500 Meter entfernten Supermarkt angesteuert. Und zwar auf für Kanadier ganz und gar ungewöhnliche Weise: Zu Fuß. 

Auf Nahrungssuche

In Nova Scotia gibt es zwei große Supermarktketten: Sobeys und Atlantic Superstore. Jeder Supermarkt bietet Free Wifi und eine (meist sehr saubere) Kundentoilette. Darüber hinaus ist das Warenangebot so riesig, dass es einen schier erschlägt. Bei 15-Meter-Regalen, die vom Boden bis zur Decke ausschließlich mit Müsliriegeln verschiedenster Hersteller gefüllt sind oder einem Angebot von ungefähr 50 verschiedenen Milchsorten kann sich so ein Einkauf schon mal in die Länge ziehen. Auch das Brotsortiment ist beeindruckend. Es gibt bestimmt 100 verschiedene Toastbrotsorten, die sich aber nicht wirklich nennenswert voneinander unterscheiden. Anderes Brot als Toastbrot ist so gut wie nicht zu bekommen. Auch der Einkauf von Mineralwasser kann mit langem Suchen verbunden sein: Aufgrund der anscheinend geringen Nachfrage ist Wasser meist irgendwo in den hintersten Supermarktwinkel verbannt; wenn man dann endlich fündig wird, gibt es meistens zur zwei verschiedene Marken. Dafür werden regaleweise unterschiedliche Arten von pappigen Softdrinks angeboten.

Viele Biolebensmittel – aber für wen?

Milch im Supermarkt

Zu meiner Überraschung gibt es eine relativ große Auswahl an Biolebensmitteln. Allerdings ist mir nicht so ganz klar,  wer die Zielgruppe davon ist. Denn, man kann es einfach nicht verschönernd umschreiben, sehr viele Kanadier verfügen über einen beeindruckenden Körperumfang. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viele so dicke Menschen gesehen. Mit “dick” meine ich dabei einen Zustand, der bei uns in Deutschland in dieser Weise überhaupt nicht vorkommt. Ich kannte sowas nur aus dem Fernsehen aus den USA und hätte nie gedacht, dass das in Kanada auch so ist. Aber angesichts fehlender Gehsteige, Drive-Through-Schaltern sogar für’s Geldabheben (!) und einer nicht vorhandenen Esskultur (ich habe noch nie in meinem Leben so schlecht gegessen), ist das auch kein Wunder. Man kann der ungesunden Ernährung dort einfach nicht entrinnen. Wer sich eine Kugel Eis bestellt, bekommt ein Eis in der Dimension von sechs Kugeln bei uns; Brot zur Suppe oder zum Salat ist grundsätzlich in Butter getränkt und selbst Bagels und Toastbrot schmecken süß.

Nichts als Plastiktüten…

Drive Through Geldautomat in Truro

Kein Mensch bringt einen Einkaufskorb oder eine Einkaufstasche mit in den Supermarkt. Stattdessen werden alle Einkäufe direkt von der Kassiererin in Plastiktüten verpackt. Dazu steht hinter dem Scanner, über den die Kassiererin die Produkte zieht, ein großes Rondell, auf dem über und über Plastiktüten hängen. Hinter dem Scanner fällt der “Kassier-Tisch” abrupt ab; das Rondell mit den Plastiktüten steht auf dem Boden. Waren, die von der Kassiererin nicht in Plastiktüten gepackt werden, können also nirgendwo abgelegt werden, so dass man sie selber einpacken kann. Entweder man gibt der Verkäuferin das Einkaufssäckchen, so dass sie die Einkäufe da reinpacken kann, oder man reißt ihr jedes Produkt nach dem Scannen unmittelbar aus der Hand. Egal ob Alt oder Jung, niemand schien ein Bewusstsein für diese Tütenverschwendung zu haben. Südamerika haben wir das eher verzeihen können. Aber einem reichen westlichen Land wie Kanada? Traurig gemacht hat uns auch, dass inflationär diese “Sixpack-Ringe” verwendet werden, also die Gummiringe mit denen sechs Bierdosen zusammengehalten werden. Als es die (gefühlt vor 20 Jahren) bei uns noch überall gab, hat man doch dauernd darüber gelesen, dass sich Tiere in diesen Ringen verfangen. Ich kann mich an kein anderes Land erinnern, in dem uns diese Ringe so dermaßen oft begegnet sind.

Kulturschock?

Die meisten Leute fahren einen Pickup oder einen großen SUV. Weit verbreitet ist zum Beispiel der Dodge RAM.

Ich greife vor, wenn ich sage, dass ich mir den gesamten Umweltschutz in Kanada anders vorgestellt hatte. Dieser erste Eindruck im Supermarkt am ersten Abend war nur der Auftakt einer ganzen Reihe von bestürzenden Erkenntnissen. Ich würde sogar soweit gehen und sagen, dass wir in Südamerika deutlich mehr Anstrengungen wahrgenommen haben, die Umwelt zu schützen, als in Nova Scotia.

Die Erkenntnis, dass wir ein Kanada-Bild im Kopf hatten, das in vielen Aspekten überhaupt nicht zutraf, hat uns wirklich zu schaffen gemacht. Rückblickend würde ich sagen, dass wir die ersten acht Tage – bis ein gewisser Gewöhnungseffekt eintrat – zum ersten Mal in unserem Leben einen echten Kulturschock hatten. Es war sehr schwierig, das Bild in unserem Kopf mit der Realität in Einklang zu bringen.

Mit einer Packung Toastbrot, etwas Käse, Müsliriegeln (“school safe”, was auch immer das bedeuten sollte!) und zwei Flaschen Wasser in unserem mitgebrachten Einkaufssäckchen sind wir an diesem Abend ins Hotel zurückgekehrt und nach einem kurzen Abendessen einfach nur ins Bett gefallen.

[Ein Hinweis: Mir ist natürlich bewusst, dass wir auf unserer Reise nur einen kleinen Eindruck eines riesigen Landes mitbekommen haben. Wenn ich also von “den Kanadiern” oder “in Kanada” schreibe, ist klar, dass ich von Nova Scotia und den dortigen Einwohnern spreche.]

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