Kanada/Nova Scotia (13): Hector, 1773 – Eine Seefahrt ist nicht lustig!

Eines der für mich beeindruckendsten Erlebnisse während unseres Urlaubs war ein Besuch des Schiffs Hector. Die Hector hat im Jahre 1773 von Schottland aus die ersten Siedler nach Nova Scotia gebracht – 189 an der Zahl. Lars und ich sind eher nur aus Gaudi nach Pictou gefahren, wo ein Nachbau der Hector im Hafen liegt. Wir waren lange im Auto gesessen und wollten uns ein bisschen die Füße vertreten. Aber als ich einen Blick auf diese Nussschale erhaschte, auf der angeblich so viele Menschen untergebracht waren, beschlich mich das vage Gefühl, dass manche Seefahrten vielleicht nicht so lustig sind, wie man vielleicht denkt…

Zu dem Schiff gehört ein kleines Museum, in dem uns ein Nachfahre dieser ersten Siedler begrüßte. Mit einem Tonfall à la “Ihr wollt mich doch verarschen” hab ich ihn gefragt, ob auf dem Schiff da draußen wirklich 200 Menschen untergebracht waren. Da hat er geantwortet, dass er seit sieben Jahren in diesem Museum arbeitet und es bis heute immer noch nicht fassen kann, wie die Menschen das ertragen haben. Was genau sie ertragen mussten, wurde mir aber erst so richtig klar, als wir schließlich das Innere des Schiffes betraten.

Entsetzliche Zustände an Bord

Im Bauch des Schiffes standen dicht an dicht aus Holzbrettern gezimmerte, enge Stockbetten. Jeweils drei bis vier (!) übereinander mit etwa 60 cm Abstand nach oben. Pro Familie ein Bett von maximal einem Meter Breite! (23 Familien und 25 einzelne Männer waren an Bord, da hatte man ja Glück wenn man alleine war!). Es gab keine Fenster, keine Sitzgelegenheiten und auch sonst überhaupt keinen Platz um sich irgendwie zu bewegen oder zu beschäftigen. Auch oben an Deck gab es keine Möglichkeiten, sich hinzusetzen.

Die Enge und die Kälte an Bord müssen furchtbar gewesen sein. Ich habe nicht mal kapiert, wo dort gekocht wurde. Aufs Klo gegangen wurde einfach über die Reling – mir wurde versichert, dass alle Passagiere lange, wallende Kleidung trugen, die sie während der Überfahrt niemals auszogen.

Und am Ende noch der Sturm…

Der Knaller ist aber: Die Überfahrt dauerte ELF WOCHEN!!!! Es liegt wirklich jenseits meiner Vorstellungskraft, mir auszumalen, wie es diese Masse an Menschen elf Wochen lang auf diesem winzigen Schiff und in diesen entsetzlichen traumatischen Zuständen ausgehalten hat. Der Museumsangestellte hat mir versichert, dass die Passagiere – wohl alles eher arme Bauern, die weder lesen noch schreiben konnten und mit der Aussicht auf ein besseres Leben auf diese kostenlose (!) Überfahrt gelockt wurden – schon nach ein paar Tagen den Kapitän gebeten hat, umzukehren. Das hat er natürlich nicht gemacht. 18 Menschen starben unterwegs, ein Kind wurde geboren.

Das Schlimmste kam aber erst gegen Ende: Kurz vor Neufundland geriet die Hector in einen Sturm, wurde abgetrieben und verlor auf diese Weise volle zwei Wochen. Am Ende waren Lebensmittel und Wasser so knapp, dass die Leute angeblich ihre Schuhsohlen kochten.

Als die Hector schließlich am 15. September 1773 in Pictou ankam, mussten die Passagiere sofort von Bord. Auch das ist mir ein Rätsel – wie baut man eine Siedlung in einem neuen Land auf, wenn man so wenig Equipment dabei hat? Braucht man nicht auch Schafe für Wolle und so? Jedenfalls sagt die Legende, dass die Hector unverzüglich umgekehrt ist, um zurück nach Schottland zu fahren, aber auf dieser Fahrt unterging und nie mehr gesehen wurde. Den neuen Siedlern wiederum war ein Jahr freie Kost und Logie im neuen Land versprochen worden – von der natürlich nichts zu sehen war. Sie mussten schauen, dass sie sich Unterkünfte bauten und Vorräte anlegten, bevor sie im kalten kanadischen Winter jämmerlich verhungern würden.

Wenn ich jetzt darüber schreibe, finde ich die ganze Geschichte nach wie vor unfassbar. Also, falls ihr mal nach Nova Scotia kommt: Stattet Pictou und der Hector einen Besuch ab. Das ist wahrscheinlich die einzige Sehenswürdigkeit in ganz Nova Scotia, die sich wirklich lohnt. Grins.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.