Kanada/Nova Scotia (6): Kejimkujik Nationalpark

Hatte ich es mir nicht immer schon gewünscht, in Kanada beim Frühstück zu sitzen und vom Inhaber der Unterkunft gewissenhaft über meine politischen Ansichten ausgefragt zu werden? Nein, ich glaube nicht. Und die anderen Gäste (fast hätte ich schon “Insassen” geschrieben) wahrscheinlich auch nicht. Deshalb waren die Frühstücke im hochgelobten Bed & Breakfast Alicion in Lunenburg gelinde gesagt anstrengend.

 

Herrliches Kontakteknüpfen

Zum Eklat wäre es fast am zweiten Morgen gekommen, als Lorne – so hieß besagter Bed & Breakfast-Inhaber – einen sehr sympathischen Bauern aus Alberta fast der Herberge verwiesen hätte, weil dieser nicht Lornes Ansichten über Putin, Donald Trump und Sozialismus teilte. Ich war gestresst.

Auch die Tatsache, dass in den Bed & Breakfasts immer alle Insassen, äh Bewohner, gemeinsam an einem Tisch zur gleichen Zeit ihr Frühstück einnehmen mussten, trug nicht zu meiner Entspannung bei. Zwar war es wirklich interessant, auf diese Weise mit Fremden ins Gespräch zu kommen, und etwas über Land und Leute zu erfahren, denn die meisten Touristen in Nova Scotia waren selbst Kanadier. Aber wenn plötzlich ein alzheimerkranker 85-Jähriger neben einem sitzt, während eines halbstündigen Frühstücks 15x die gleiche Geschichte erzählt und einem dabei die Hand tätschelt, fragt man sich doch, ob ein Motel nicht doch die bessere Alternative gewesen wäre. (Nein, im Ernst, der Alzheimerkranke war wirklich liebenswert und er konnte ja nichts dafür, aber es war schon anstrengend und irgendwie auch traurig.).

Zugegebenermaßen kein besonders gelungenes Foto.

Zum Glück hat Lorne vor, das Bed & Breakfast zu verkaufen. Nach acht Jahren soll Schluss sein. Eine gute Entscheidung, würde ich mal sagen. Was er und seine Frau dann machen, wissen sie noch nicht. Sie hat schon einen Teilzeitjob. Mit dem Geld aus dem Verkauf der Immobilie werden sie sich einige Zeit über Wasser halten können, und er wird schon irgendwo einen Job finden. Während wir uns gefragt haben, wer um Himmels Willen dieses riesige Haus incl. Gästehaus auf dem noch riesigeren Grundstück kaufen soll, war Lorne da völlig optimistisch. Die Kanadier sind Lebenskünstler, das haben wir später noch öfter festgestellt.

Auf den Trails im Kejimkujik Nationalpark

Irgendwann haben wir es geschafft, vom Frühstückstisch zu fliehen. Danach stand der erste Nationalpark auf unserer Reise auf dem Programm: Der mit dem unaussprechlichen Namen Kejimkujik. Da Kanada im Jahr 2017 sein 150-jähriges Bestehen feiert, ist der Eintritt zu den Nationalparks momentan kostenlos, was uns eine Menge Geld gespart hat.

Die Nationalparks, die wir während unserer Reise besucht haben, waren nach dem gleichen Prinzip aufgebaut: Mitten durch den Nationalpark führt eine autobahnähnliche Straße in hervorragendem Zustand. Einen Meter hinter dem Nationalpark wird die Straße sofort wieder grottenschlecht. Von dieser autobahnähnlichen Straße gehen rechts und links jeweils durchnummerierte “Trails” ab.

Während ich mir unter einem “Trail” einen romantischen Trampelpfad vorstelle, sind die Trails in Nova Scotia oftmals gut ausgebaute, quasi rollstuhlfahrergerechte Wege, die künstlich (und wenn man Pech hat auch noch kerzengerade) in den Wald hineingebaut wurden. Die Luxus-Variante davon ist mit den berühmten Boardwalks ausgelegt. Rundwege sind eher selten, meistens läuft man ein paar Kilometer in eine Richtung und dann die selbe Strecke zurück. Einige dieser Trails verfügen sogar über Plumpsklos in regelmäßigen Abständen.

Wir sind also ein bisschen auf diesen Trails herumgelaufen, aber so richtig spektakulär war das nicht. Viele Pilze haben wir gesehen und interessante Flechten. Immerhin haben wir auf der autobahnänlichen Straße dann noch die einzigen zwei lebenden “White tailed deers” auf unserer ganzen Reise gesehen – der Rest lag als Roadkill tot am Straßenrand.

Interessantes Truthahnsandwich

Da in ganz Nova Scotia bereits “End of Season” war, hatte die einzige Fress-Möglichkeit im Nationalpark geschlossen. Also musste im Anschluss an unsere unbefriedigende Wanderung was zum essen her. Leider sind Essmöglichkeiten entlang der Hauptstraßen nicht immer üppig gesät – zumindest, wenn man kein Fast Food will. Umso begeisterter waren wir, als plötzlich das “Hollow Log Café”  auftauchte. Eine urige Spelunke mit einer supernetten Bedienung über deren Geschlecht wir noch heute rätseln. Unbedarft wie ich war, habe ich mir das Truthahnsandwich bestellt. Für alle Hobbyköche unter Euch: Man nehme einen beliebigen Braten, quetsche ihn zwischen zwei Toastscheiben, kippe die Bratensoße darüber und garniere es liebevoll mit Erbsen. Fertig ist das Sandwich! Ein weiterer kulinarischer Höhepunkt unseres Urlaubs. Die beiden Kugeln daneben sind übrigens Kartoffelbrei.

2 Kommentare

  1. Wie hungrig muss man denn sein, um so etwas zu essen? Kurz vorm verhungern? Wie hat es denn geschmeckt? So wie es aussieht?

    • Es hat tatsächlich besser geschmeckt als es aussah. Halt mehr wie ein Braten als wie ein Sandwicht. Die Toastscheiben hätte man getrost weglassen können.

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