Kanada/Nova Scotia (7): Seekrank in Digby

Das nächste Ziel unserer Reise hieß Digby. Digby ist zum einen weltweit bekannt für seine Jakobsmuscheln (“Scallops”) und andererseits gilt es als eine der Hochburgen der Walbeobachtung. Selbstverständlich hatten wir eine solche Walbeobachtungstour gebucht. Doch erstmal mussten wir mit unserer Unterkunft zurechtkommen. Die hat vor allem den Lars an den Rande des Nervenzusammenbruchs getrieben.

 

Im Holdsworth House

Eigentlich klang die Beschreibung des Bed & Breakfasts ziemlich gut: Das “Holdsworth House” ist ein Holzhaus aus dem Jahre 1783, in dem man hautnah erleben kann, wie die Menschen damals gewohnt haben. Ich fand das aufregend. Was wir bei der Buchung nicht kapiert haben: Man wohnt direkt mit den Inhabern Toni und Margaret in ihrem Haus, teilt Küche und Wohnzimmer, und hat kaum Privatsphäre. Und: Häuser von 1783 haben keine Heizung, auch 235 Jahre später nicht.

Dem Lars ist es nicht wirklich gelungen, sein Unbehagen über das zugegebenermaßen etwas vollgestopfte Ambiente zu verbergen. Erschwerend kam hinzu, dass uns Margaret in den ersten dreißig Sekunden nach unserer Ankunft bereits ihre gesamte Lebensgeschichte erzählte: Dass sie den Winter über auf einem Eisbrecher auf den Great Lakes verbringen wird – 42 Tage am Stück, ohne an Land zu gehen. Dass sie und ihr Freund Tony, der nun seinen Traumjob gefunden hat (Teilzeit in einer Brauerei) jeden Herbst sechs Wochen House Sitting in Ibiza machen und dass das jetzt ein Problem ist wegen dem Eisbrecher-Job, weil sich das überschneidet. Dass sie überall, wo sie hinfahren, versuchen, den billigsten Wein zu finden, der geschmacklich noch akzeptabel ist. Überhaupt war Alkohol ein ziemlich großes Thema – Tony hat alle zwei Minuten vorgeschlagen, dass wir doch einen trinken gehen sollten. Der Lars wollte nur noch abreisen.

Eiskalte Nacht

Es gab aber kein Entkommen. Wir wollten Margaret und Tony nicht offensichtlich vor den Kopf stoßen. Sie waren wirklich tolle Menschen, und ich habe die Gespräche mit ihnen sehr genossen. Ich fand es faszinierend, dass sie echte Lebenskünstler sind und sich, im Gegensatz zu uns Deutschen, nicht so viele Gedanken über das Leben machen. Einige Jahre zuvor hatten sie ein Restaurant eröffnet, einfach um zu schauen, ob sie das hinkriegen. Als nach fünf Jahren das Restaurant hochgelobt und über die Grenzen von Digby hinaus bekannt war, haben sie es kurzerhand wieder geschlossen – sie hatten ja bewiesen, dass sie es können.

Chowder! Manchmal nur aus Fisch, manchmal mit Kartoffeln gestreckt.

Derzeit macht Margaret ihre Rettungssanitäter-Ausbildung, denn damit lassen sich auch Jobs finden. Aber eigentlich ist sie gelernte Friseuse. In ihrem Haus vermieten sie nicht nur Zimmer, sondern sie vermieten auch das ganze Haus, dann wohnen sie halt für einige Zeit in ihrem Motor Home, das draußen im Garten steht. Wir würden solche Lebensentwürfe als “prekär” bezeichnen, aber die beiden sind weit gereist, haben ganz Europa gesehen und sind insgesamt vermutlich zufriedener als wir es oftmals sind. Die Gespräche mit den beiden haben mich wirklich nachdenklich gemacht. Deshalb kam es auch nicht in Frage, ihnen zu sagen, dass wir uns nicht wohlfühlen. Sie hätten das nie verstanden. Es blieb nur die Möglichkeit, dass wir uns heimlich rausschleichen und abhauen. Doch dazu bot sich angesichts der mangelnden Privatsphäre einfach keine Gelegenheit. Wir hatten nicht mal einen Schlüssel für das Haus oder unser Zimmer!

Also haben wir uns erstmal in ein Restaurant am Hafen geflüchtet, wo wir Jakobsmuscheln und Chowder (eine Art Fischsuppe und lokale Spezialität, sehr lecker!) zu atemberaubenden Preisen gegessen haben. Aber wenigstens hatten wir zum ersten Mal seit Langem wieder etwas Richtiges im Magen.

Die Nacht war mehr als nur eisig. Bei 9 Grad Außentemperatur ist es in einem unbeheizten Holzhaus auch innen nicht viel wärmer. Ich lag in voller Montur im Bett, drei Decken über mir und hab trotzdem noch vor Kälte gezittert. Leider konnte man sich durch eine morgendliche Dusche auch nicht aufwärmen. Die Badewanne im ebenfalls unbeheizten Bad befand sich so unter einer Dachschräge, dass man nur vorsichtig im Sitzen duschen konnte, wodurch man nur noch mehr auskühlte. Halb erfroren saßen wir schließlich mit Tony und Margaret am Frühstückstisch, diskutierten über die Biersorten Europas und über das Schaf, das die beiden irgendwo auf einer Wiese stehen haben, um ihre eigene Wolle für Strickwaren zu produzieren. 

Der Balancing Rock

Dann stand unsere Walbeobachtungstour auf dem Programm. Eigentlich hatten wir eine Tour in einem Zodiac (Motorschlauchboot) gebucht. Jedoch wollte unser Touranbieter wegen “rauher See” an diesem Tag nicht starten. Wir wurden kurzerhand auf einen anderen Anbieter umgebucht, der trotzdem rausfahren wollte. Zu unserer Enttäuschung war die Zodiac-Tour dort schon voll, weshalb wir mit einem Schiff vorlieb nehmen mussten. Darüber, was “rauhe See” bedeutet, habe ich mir als Landratte natürlich keine Gedanken gemacht.

Da wir bis zum Start der Tour noch etwas Zeit hatten, haben wir einen Abstecher zu einer überall groß angekündigten Sehenswürdigkeit gemacht: dem “Balancing Rock”. Der Balancing Rock ist eine neun Meter hohe Basaltsäule, die seit angeblich tausenden von Jahren aufrecht steht ohne umzukippen. Er war sowas von dermaßen überall angekündigt, dass man das Gefühl hatte, man verpasst die Sensation des Jahrhunderts, wenn man ihn nicht sieht. Überall an der Straße waren Wegweiser, mit einem Bild der Säule – ein imposantes Naturwunder. Leider war das Ganze dann, als wir direkt davor standen, nicht mehr ganz so imposant. Das Säulchen hat irgendwie mickrig gewirkt, und Basaltsäulen an sich habe ich wahrlich schon schönere in Finnland oder Island gesehen.

Whale Watching

Also auf zum Whale Watching. Viel kann ich gar nicht darüber schreiben. Denn ich war angesichts der “rauhen See” nach ungefähr drei Minuten komplett außer Gefecht. Der Wal hätte aus dem Meer springen und Pirouetten drehen können, und ich hätte es nicht geschafft, meinen Kopf auch nur um einen Zentimeter zu drehen. Ich war volle dreieinhalb Stunden damit beschäftigt, einerseits meinen Blick auf den Horizont zu richten, um mich nicht zu übergeben, und andererseits die fünf Decken über mir richtig zu positionieren um nicht zusätzlich auch noch den Erfrierungstod zu sterben. (Selbstverständlich hatten einige Kanadier an Bord kurze Hosen an, denn in Kanada trägt man offensichtlich IMMER kurze Hosen). Nach dreieinhalb Stunden war’s dann leider mit mir vorbei. Ich habe die Decken von mir geworfen, bin an die Reling gestürzt und bin die Fishcakes losgeworden, die wir zuvor zu Mittag gegessen hatten. Leider war das Walbeobachtungsboot zu diesem Zeitpunkt schon wieder auf dem Rückweg. Hinterher ging’s mir nämlich blendend. Wale haben sich übrigens auch blicken lassen. Ich aber habe nichts davon mitbekommen.

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