Kanada/Nova Scotia (5): Staunend autofahren in Kanada

Was mir beim Gedanken an “Autofahren in Kanada” gut gefallen hat, war, dass sämtliche Websites und Reiseführer behauptet hatten, dass das ach-so-entspannend wäre. Leider hab ich das am Steuer sitzend anders empfunden. Der beeindruckende Schilderwald am Straßenrand hielt mich jedenfalls ziemlich auf Trab, und die Verkehrsregeln hatten es auch ab und zu ganz schön in sich.

 

Gebote und Verbote

Stoppschild voraus

Beispielsweise ändert sich alle paar hundert Meter die erlaubte Höchstgeschwindigkeit, so dass man permanent Panik hat, dass man ein Geschwindigkeitsbegrenzungsschild übersehen hat. Damit auch noch der letzte Depp checkt, dass sich die Geschwindigkeit ändert, wird meist einige Meter vorher mit einem Schild auf die Geschwindigkeitsänderung hingewiesen. Ähnlicherweise wird mit einem Stoppschild-Schild auf ein darauffolgendes Stoppschild aufmerksam gemacht. Mit einem Schild, auf dem sowas steht wie “wenn hier die Lampen blinken ist da vorne die Ampel rot, also bereite dich darauf vor, da vorne abzubremsen” wird wiederum auf eine rote Ampel hingewiesen. Als Analphabet ist man in Kanada sicher nicht in der Lage, auch nur einen Meter autozufahren, weil man ja die Anweisungen auf den teilweise bis zu fünfzeiligen Schildern gar nicht verstehen könnte! Auch vor jeder Kurve steht, mit welcher Geschwindigkeit man sie bitte befahren soll und bei den Abfahrten von der Autobahn (Höchstgeschwindigkeit 110km/h) steht stets wie hoch die “Rampengeschwindigkeit” ist. Ich fand diesen Schilderwald wahnsinnig stressig.

Anständige Autofahrer

Auch den “Four way stop” fand ich gewöhnungsbedürfig. Es gibt kein Rechts-vor-Links, sondern wer als erstes die Kreuzung erreicht, darf auch als erstes wieder losfahren. Da muss man nur hoffen, dass die anderen Verkehrsteilnehmer die gleiche Wahrnehmung haben wie man selbst. Nie kapiert habe ich die Ampelregelung. Die Ampeln stehen ja nicht an der Kreuzung, wie bei uns, sondern dahinter. Deshalb kann es sein (zumindest glaube ich das, ich habe ja nicht durchgeblickt), dass eine rote Ampel für einen gar nicht gilt, weil man abbiegen will und dann eigentlich grün hätte…

Gut ist, dass sich Strafen für zu schnelles Fahren in Baustellen- und Schulbereichen verdoppeln und in Schulbereichen spezielle Schilder stehen, die besagen, dass man langsamer (z.B. 30 km/h) fahren muss, wenn Kinder zu sehen sind. (Das finde ich besser als wie bei uns pauschal eine 30er-Zone zu machen).

Auch muss man sagen, und das war eine der wirklich herausragend positiven Dinge an Nova Scotia, dass die Kanadier unglaublich anständige Autofahrer sind. Wenn 80 km/h ist, wird 80 km/h gefahren – fährt man mal zwei Stundenkilometer zu schnell, kommt man sich gleich vor wie der totale Verkehrssünder. Sobald ein Fußgänger in Sicht ist wird abgebremst und selbstverständlich wird sofort angehalten, falls ein Fußgänger die Straße überqueren will. Vielleicht liegt das daran, dass es so wenige Fußgänger gibt, und man diese wenigen besonders beschützen muss, bevor sie ganz aussterben. Es gab nie, wirklich kein einziges Mal, auch nur eine Situation im Straßenverkehr, die in irgendeiner Weise brenzlig gewesen wäre. Selbst wenn ich mal wieder die Ampelschaltung nicht kapiert hatte, waren alle total gechillt. Echt top!

Adopt a Highway

Auch so etwas sieht man an der Autobahn.

Sehr gut fanden wir, dass es auch ausufernd viele Schilder gibt, die darauf hinweisen, dass es 250 Dollar kostet, wenn man Müll in die  Landschaft schmeißt. Das sollte man bei uns auch mal einführen. Und mega cool ist das “Adopt a Highway Litter Cleanup”-Programm. Man kann fünf Kilometer Straße adoptieren, an der man dann zweimal im Jahr den Müll aufsammeln muss. Dafür steht dann am Anfang der fünf Kilometer ein Schild mit dem Namen der Adoptanten. Also zum Beispiel die lokale Kirche, irgendein dort ansässiges Unternehmen oder der Rotary Club. Man bekommt von der Stadt sogar Warnwesten und Straßensperren ausgehändigt, um sein Müllaufsammelaktion auch problemlos durchführen zu können.

Insgesamt darf man auf den Autobahnen alles mögliche, also auch zu Fuß oder mit dem Rad fahren. Außer es handelt sich um einen “Controlled Access Highway”, dann dürfen da nur Autos fahren. Aber wiederum mit der Ausnahme für Anwohner, die dürfen dann auch wieder alles. Ja, das mit den Anwohnern habt Ihr richtig gelesen. Es gibt eine große Anzahl an Menschen, die ihre Grundstückseinfahrt direkt an der Autobahn hat; statt “Waterfront” also sozusagen “Highway Front”. Ansonsten begegnen einem auf der Autobahn auch ab und zu Ampeln, “normale” Kreuzungen oder Möglichkeiten zum Wenden. Und: Roadkill. Alle paar Meter ein totes Tier am Straßenrand, vom Streifenhörnchen über Stachelschweine (sehr viele) und Waschbären bis hin zum Reh. Nicht schön.

Lebende Stoppschilder

Eines meiner absoluten Highlights in diesem Urlaub, das uns auch wirklich ununterbrochen begegnet ist, waren die “lebenden Stoppschilder”. Wenn bei uns eine Baustelle ist und dadurch die Fahrspur in eine Richtung blockiert ist, wird normalerweise eine mobile Ampel aufgestellt. In Kanada scheinen mobile Ampeln nicht zu existieren. Stattdessen steht an beiden Enden der Baustelle jeweils ein Mensch, ausgestattet mit einem Funkgerät und einem Schild. Auf der einen Seite des Schildes steht “Stop” und auf der anderen “Slow”. Diese Menschen haben also nichts anderes zu tun, als sich non stop über Funkgerät abzusprechen und dann das Schild um 180 Grad zu drehen. Selbst am Ende unseres Urlaubs konnte ich mir nicht vorstellen, dass das ein “normaler” Job ist. Vielleicht ist das eine Strafmaßnahme für irgendwelche Verbrecher?

Insgesamt sind wir übrigens knapp 4.000 Kilometer gefahren. Der Zustand der Straßen ließ oft zu wünschen übrig. Auch Schotterstraßen sind keine Seltenheit. In Island hab ich mich immer gefreut, wenn mal drei, vier Kilometer Schotterstraße dabei waren – in Kanada habe ich gemerkt, dass man spätestens nach 50 Kilometern Schotterstraße eine geteerte Oberfläche so richtig herbeisehnt.

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