Was macht eigentlich einen guten Reisebericht aus?

Vor Kurzem habe ich eine Mail bekommen, in der mich zwei Weltreisende gefragt haben, ob ich ihren Reisefilm rezensieren möchte. Na klar, da hatte ich Lust darauf! Letzte Woche haben Lars und ich es uns also vor dem Fernseher gemütlich gemacht und schnell festgestellt: Laaaaaaaangweilig! Nachdem ich letztens auch einen Reisebericht in Buchform nach etwas mehr als der Hälfte entnervt zur Seite gelegt habe, ist es an der Zeit, hier mal zu zeigen, was (für mich) einen guten Reisebericht eigentlich ausmacht:

 

1. Die authentische, individuelle Nacherzählung einer Reise

Das Wort “Reisebericht” sagt ja eigentlich schon alles: Es geht um die Nacherzählung einer Reise, einer individuellen und einzigartigen Erfahrung. Im Rahmen dieser Nacherzählung möchte ich als Zuschauer/Leser Informationen aus erster Hand bekommen. Ich möchte über das Leben und die Menschen vor Ort erfahren, und zwar nicht in der geschönten Version, sondern in der authentischen. Was ich nicht möchte – und genau hieran scheitern leider viele Reiseberichte -, ist mit Fakten gelangweilt werden, die ich mühelos jedem drittklassigen Reiseführer entnehmen kann.

2. Informationen über das Leben auf der Reise

Ich möchte ganz viel über das Leben auf der Reise erfahren. Wie wurde das Leben – Essen, Übernachten, Einkaufen, Fortbewegung – vor Ort organisiert? Gab es Ängste, Zweifel, Pannen, Heimweh? Wie hat sich der Reisende in bestimmten Situationen gefühlt, hat er ans Aufhören gedacht, gab es Streit? Wo waren die größten Glücksgefühle? Wurde im Zelt übernachtet oder im Hotel? Sofern ein Roadtrip nacherzählt wird, möchte ich mehr über das Fahrzeug wissen: Mit welchem Auto war der Reisende unterwegs? Wo hat er das Auto gekauft? Wie sieht es innen aus? Wer hat es umgebaut? Wie groß sind die Kfz-Kenntnisse des Reisenden?

3. Eine Story von Anfang bis Ende

Am Anfang einer jeden Reise steht eine Idee. Diese Idee muss umgesetzt werden. Das braucht eine große Portion an Vorbereitung und Organisation – und vielleicht auch drastische Maßnahmen, wie z.B. die Kündigung eines Jobs. Ich finde es immer extrem furchtbar, wenn in einem Reisebericht diese Themen kommentarlos übergangen werden. Ich will wissen, wer da reist (d.h. der Zuschauer will den Reisenden kennenlernen), und ich will wissen, warum er sich diese Reise ermöglichen kann. Darüber hinaus wüsste ich natürlich gerne, wie das Umfeld reagiert hat, wie die Vorbereitungen angegangen wurden, und – ok, das gibt nicht jeder gerne zu – was der ganze Spaß eigentlich gekostet hat. Und natürlich will ich erfahren, wie das Leben nach der Reise weiterging: Fand der Reisende mühelos zurück in den Job? Hat er seine Zukunftspläne geändert? Inwiefern wurde er von der Reise geprägt. Ich möchte eine Story von A bis Z, von Anfang bis Ende. Dass eine “normale” Urlaubsreise meist nichts mit einer coolen Story zu tun hat, sollte sich an dieser Stelle eigentlich erschließen, aber so mancher Reisende greift auch hier daneben.

4. Absolute Authentizität

Ganz wichtig ist Authentizität. Es muss die Wahrheit erzählt werden. Aufgebauschte Berichte, die Verdrehung oder das Vertuschen von Tatsachen, oder gar der Zukauf von Fotolia-Fotos (! Ja, das hab ich alles schon erlebt), haben in einem guten Reisebericht nichts zu suchen. Als Negativ-Beispiel sei hier Michael Wigges “Ohne Geld um die Welt” genannt, der zwar (vermutlich) tatsächlich ohne Geld um die Welt fliegt, aber dafür mit einer Ladung Connections aus seiner Zeit bei VIVA. Da findet sich natürlich schnell mal jemand, der einem eine Reise in die Antarktis sponsert. Positiv-Beispiel: Christoph Karrasch mit seinem #10Tage, der eben nicht vertuscht, dass seine Reise profihaft aufgezogen ist.

5. Qualität – wichtig, aber nicht an erster Stelle

Nein, als Fan von Reiseberichten geht man nicht davon aus, dass da draußen ausschließlich begnadete Schriftsteller, Berufsfotografen und Profi-Filmer unterwegs sind. Und ja, es ist schön, eine gute Story mit qualitativ hochwertigen Bildern untermalt zu sehen, oder ein Buch zu lesen, das vor Eloquenz nur so glänzt. Aber das ist nicht die Hauptsache. Es ist die Story, die zählt, und das Drumherum muss akzeptabel sein. Natürlich ist es ein No-Go, z.B. verwackelte, unscharfe Bilder zu zeigen, oder wie Norbert Weber in seinem Jordanienvortrag, die Dias in so einem Tempo abzuspulen, dass er mit der Erzählung gar nicht mehr hinterher kam. Eines der besten Weltreisebücher beispielsweise, Daniel Snaiders “Die große Reise”, ist bei Weitem keine schriftstellerische Meisterleistung – das tut der Geschichte aber absolut keinen Abbruch.

6. Infos zum Equipment

Sofern ein Reisender doch mit einer Profi-Ausrüstung unterwegs ist, freut sich der Zuschauer über ein paar Hinweise zu diesem Equipment. Welche Kamera hatte er dabei? Hatte er auch eine Ersatzkamera? Wie hat er die Akkus aufgeladen? Wie und wo hat er die Aufnahmen unterwegs abgespeichert?Abseitsreisen Flyer

Beispiel gefällig?

Wer jetzt so eine Art “Vorlage” braucht, und mal sehen will, wie so ein richtig guter Reisebericht aussieht, dem seien die Vorträge von Sabine Hoppe und Thomas Rahn, alias “Abseitsreisen” ans Herz gelegt. (Hier habe ich schon mal über die beiden berichtet). Gestern haben Lars und ich uns ihren Afrika-Vortrag angeschaut und waren wieder restlos begeistert. Dass die beiden einfach wissen, worum es geht, zeigt auch ihr schöner Flyer, dessen Vorwort ich hier für Euch eingescannt habe. Besser kann man schier nicht in Worte fassen, was einen guten Reisebericht ausmacht.

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