Die fliegende Jurte: Zeltleben in Deutschland

Als ich in einer mongolischen Jurte übernachtet habe, da war das in der Mongolei, und es war – zumindest angeblich – Sommer. Es gibt aber auch Leute, die machen das in Deutschland und ganzjährig. Was sich jetzt so anhört, als wäre die Rede von irgendwelchen verschrobenen, alten Menschen, die sich auf einer Waldlichtung ihrer Weldfremdheit erfreuen, ist in Wahrheit eine echt schöne Geschichte.

Nadja Schotthöfer und David Schuster heißen die beiden, die am Rande der bayerischen Alpen seit einigen Jahren in einer Jurte leben. Mit ihren zwei Kindern Frida und Tonda. Beide sind Anfang 30 und haben einen festen Job. Sie nutzen Handy, Auto und Laptop; eine Waschmaschine steht in einem nahegelegenen Bauernhaus. In ihrem Buch “Die fliegende Jurte” erzählen sie, wie es dazu kam, dass sie sich für das Leben in einer Jurte entschieden, und wie ihr Alltag im Zelt so abläuft.

Die Geschichte von Nadja und David hat viel mit der Sehnsucht nach einem einfachen, aber glücklichen Leben zu tun. Mit einem Rückzug von Verschwendung, Überfluss und unnützen Dingen. Vielmehr sollen Gemeinschaft und Gemütlichkeit im Vordergrund stehen, und der Wunsch, sein Glück in dem zu finden, was man selbst mit den Händen erschaffen hat. Denn die Jurte, die baut David selbst. Seine Begeisterung für sein “Feuerzelt” springt auf jeder einzelnen Seite auf den Leser über. Die Erzählungen von Nadja und David vermitteln das Glück derer, die wenig besitzen, sich aber auf Werte besinnen, die für so manchen von uns schon verlorgen gegangen sind. Sie erfreuen sich an der Natur, an den Jahreszeiten, an Gesprächen, an den Ideen für die Ausgestaltung ihrer Jurte. Die vielen Farbfotos in dem Buch geben dem Leser einen guten Eindruck vom Zeltleben, das vielleicht beschwerlich sein mag, aber gleichzeitig auch sehr erfüllend. Auf 160 Seiten findet sich kein Fünkchen Kitsch, sondern vielmehr der Bericht über eine Lebensweise, die befremdlich erscheinen mag, aber unheimlich zum Nachdenken anregt. Ich muss gestehen, wenn ich nicht schon zehn Nächte in einer Jurte hinter mir hätte, ich hätte sofort Lust drauf bekommen, es einmal auszuprobieren.

“Die fliegende Jurte” ist ein selten schönes Buch. Ein Schmuckstück, das man ins Bücherregal stellt und immer wieder herauszieht, um die Bilder zu betrachten und ein paar Zeilen zu lesen.

Kleiner Wermutstropfen: David war noch nie in der Mongolei. Es ist einer seiner größten Träume, einmal dort hinzufahren und das “echte” Jurtenleben zu erleben. Beim Lesen des Buches hatte ich den Eindruck, dass er nicht weiß, dass in nahezu jeder mongolischen Jurte Fernseher und Tiefkühltruhen zu finden sind und bei einem Umzug keine Pferde, sondern LKWs in Anspruch genommen werden. Ich glaube nicht, dass es ihm bewusst ist, dass vermutlich viele mongolische Nomaden lieber in einem “normalen Haus” in einer Stadt wohnen würden, anstatt in ihren Jurten. Und dass er das Prinzip “Back to the roots” um ein vielfaches konsequenter betreibt als es heutzutage in der Mongolei der Fall ist. Ich glaube, wenn David das alles wüsste, er wäre ziemlich desillusioniert.

Stefan Rosenboom und David Schuster
Die fliegende Jurte: Vom Glück einfach zu leben
Knesebeck Verlag
160 Seiten
Erscheinungsdatum: 11. September 2014
ISBN 978-3868737318
19,95 Euro

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