Zeitreise: Chilenische Kuriositäten (2006)

Kurz zur Erinnerung: 2005, 2006 und 2007 habe ich mich bereits in Santiago de Chile bzw. in Südamerika aufgehalten und auch damals fleißig Reiseberichte geschrieben. Diese habe ich nun wieder ausgegraben und mit Staunen gelesen. In einer kleinen Serie präsentiere ich Euch die lustigsten und interessanten Stellen meiner damaligen Aufzeichnungen, füge meine heutige Meinung darüber hinzu und präsentiere Euch Vergleichsfotos “damals vs. heute”. Diesmal bleiben wir in Chile und freuen uns über folgende Kuriositäten:

Torre Telefónica, 2006

28. Juli 2006

“Ich wollte euch nur eine Story erzählen, die so typisch für Chile ist, dass sie dieses Land noch liebenswerter macht. Eigentlich machen hier viele Dinge, und auch Menschen, das Land liebenswerter. Zum Beispiel der Typ, der im Hallenbad auf die Taschen aufpasst, da es ja keine Schränke gibt. Ich hab immer meine Winterjacke an, weil es früh um 7 meistens kalt ist. Letztens aber gab es eine kleine Hitzewelle und ich hatte eine dünnere Jacke an. Als ich die dann nach dem schwimmen abholen wollte, wusste der Typ nicht, welche Jacke meine ist. Er war wirklich ratlos. Ich habe dann auf meine Jacke gedeutet, und er, total erstaunt: “Du hast die Jacke gewechselt!”. Als ob ich nur eine Jacke besitzen würde…

Die Story, die ich euch heute erzählen will, ist ausnahmsweise mal nicht mir passiert, sondern einer meiner Kolleginnen in der Sprachschule, Eva. Eva ist 21, kommt aus der Nähe von Mannheim und ist BA-Studenten bei Siemens. Sowohl Chile, als auch Siemens, haben was mit Minen zu tun. Vielleicht wisst ihr es noch nicht, aber Chile ist der größte Kupferexporteur der Welt und überall gibt es große Minen in denen das Zeug abgebaut wird. Diese Minen sind so eine Art heilige Orte. Wenn zum Beispiel eine Maschine ausfällt wären die Verluste durch das nicht abgebaute Kupfer für die Firmen so groß, dass sie in diesem Fall aus dem ganzen Land Arbeiter einfliegen (!) lassen, die dann das, was normalerweise die Maschine macht, durch Handarbeit erledigen. Dieses Einfliegen ist immer noch billiger als die Verluste, die sonst entstehen würden.

Torre Telefónica, 2014

Nachdem die Minen ja, wie gesagt, heilige Orte sind, kann da nicht jeder einfach kommen und eine Besichtigungstour wollen. Man muss sich logischerweise anmelden, und zwar indem man einen Tag vorher seinen Pass abgibt. Um die Mine zu betreten braucht man dann seine Passnummer und den Namen. Diese muss man am Eingang in eine Maschine eingeben, die dann die Eingangstür zur Mine öffnet. Nur wenn der Computer sein OK gibt darf man die Mine betreten.

Die Eva hat also brav ihren Pass abgegeben und ist einen Tag später nach Rancagua (100 km von Santiago entfernt) gefahren. Dort befindet sich eine der größten Kupferminen des Landes. Sie kommt also an, gibt ihren Namen und ihre Passnummer in die Maschine ein, und nichts passiert. Auch nach zahlreichen Versuchen gibt der Computer sein OK nicht. Es herrscht natürlich Ratlosigkeit. Wenn in Chile mal was nicht klappt, fühlt sich grundsätzlich keiner zuständig. Für die leichtesten Probleme braucht man dann fünf Stunden. Bestes Beispiel: Gestern hab ich (in meiner Praktikumsstelle) im Word ausversehen die Leiste zugemacht, mit der man seinen Text fett, kursiv und unterstrichen machen kann. Eigentlich ist es kein großer Akt, die Leiste wieder herzuzaubern, aber der gesamte PC ist auf Spanisch und ich wusste nicht mal, was “Leiste” heisst. Ich hab also unseren angeblichen Computerspezialisten Raúl gefragt, er hat zwei Sekunden lang (vielleicht drei, aber nicht mehr) einen Blick auf meinen Computerbildschirm geworfen, und hat dann gesagt “ich geb auf”. Typisch Chilene. Zwei Minuten später hab ich die Leiste selber wieder entdeckt. Der Raúl ist übrigens auch der Mensch, der behauptet hat, dass ein elektrischer Widerstand ein Rohr-Isolierungsmaterial ist.

08 - 2006-05-21 Vina del Mar

Viña del Mar, 2006

Viña del Mar, 2014

Also stand die Eva dann zwei Stunden vor verschlossenen Minentüren, keiner wusste weder ein noch aus. Bis ihr dann der rettende Gedanke kam: deutsche Pässe sind anders konzipiert als chilenische. Und da, wo im chilenischen Pass der Name steht, steht in unseren Pässen nur ein Wort, und zwar: “deutsch”. Die Minenleute haben doch tatsächlich gedacht, “deutsch” wäre Evas Name! Dass kein “Nachname” dabei stand, scheint niemandem aufgefallen zu sein. Als die Eva dann also “deutsch” in den Computer eingegeben hat, haben sich die Minentüren doch tatsächlich auf wundersame Weise geöffnet.

Aber das Schärfste kommt erst noch: als sie dann endlich mit dem Leiter der Mine zusammentreffen konnte, hat dieser zu ihr gesagt: “Aha, jetzt wissen wir’s endlich, du bist weiblich! Anhand deines Namens “deutsch” konnten wir dein Geschlecht nicht feststellen”.

Und noch eine kleine Story: Vorgestern bin ich in meiner Praktikumsstelle Cóndor aufs Klo und die Spülung ging nicht. Also hab ich den Wasserhahn versucht – ging auch nicht. Ich also hoch zum Raúl. “Haben wir Wasser?”. Er so: “Nein”. Ich so: “Aha, und warum nicht?”. Er: “Wir hatten einen Rohbruch.” Ich: “Aha, und wann wird der repariert?”. Er: “Keine Ahnung, ich hab noch niemandem Bescheid gesagt.” Ich: “Und wenn ich aufs Klo will?”. Da hat er sich also aufgerafft und irgendeinen Klempner gerufen. Ich bin mir 2.000 Prozent sicher, wenn ich nichts gesagt hätte, niemand anderes hätte was gesagt. Die hätten stillschweigend die wasserlose Zeit ertragen, und wenn es Wochen gedauert hätte. Tja, das ist Chile!”

[Ich glaube, da brauche ich gar nichts groß zu kommentieren – einfach nur köstlich, diese Geschichten!]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.