Alleine in der Kälte: “Eine Büroklammer in Alaska” von Guy Grieve

Guy Grieve scheint ein ganz normaler Typ zu sein: Anfang 30, zwei kleine Kinder, ein Einfamilienhaus, Vertriebsangestellter bei einem Verlag in Schottland. Doch er ist unzufrieden. Sein Leben langweilt ihn. Er möchte mal rauskommen und etwas ganz anderes erleben. Während andere Menschen in so einer Situation von einem Sabbatical, einer kleinen Weltreise oder dem Jakobsweg träumen würden, hegt Guy Grieve einen ganz anderen Plan: Er möchte einen Winter in Alaska verbringen. Alleine, in einer Blockhütte, die er selbst irgendwo in der Wildnis baut, fernab der Zivilisation. Da kommt es ganz gelegen, dass er plötzlich seinen Job verliert – denn nun steht dem Abenteuer Wildnis ja quasi gar nichts mehr im Wege…

Guy Grieve schreibt ein paar Typen in Alaska an (die ihn natürlich für einen Spinner halten, bis er tatsächlich bei ihnen auftaucht), kauft sich eine warme Winterjacke und los geht’s. Was nun folgt ist eine hochinteressante Beschreibung eines Aussteigerlebens bei teilweise -60°C. Guy Grieve, wie er von seinen alaskanischen Kumpels im Schnelldurchlauf lernt, was er so wissen muss. Guy Grieve, wie er sich beim Bäumefällen, beim Biberfangen und beim Schneehuhnschießen abmüht. Guy Grieve, wie er mit dem Hundeschlitten übt, wie er an Metall festfriert, wie er Wölfen, Bären und Elchen begegnet. Guy Grieve, wie er fast verhungert, weil ihm die Vorräte ausgehen, und wie er fast umkommt, weil er ins Eis des Yukon einbricht. Wer da beim Lesen nicht unter einer warmen Decke sitzt, friert unweigerlich.

Etwas schade ist, dass Guy mit dem Leser nicht so ganz ehrlich ist. “Völlig unvorbereitet”, so sagt er, sei er in die Wildnis aufgebrochen. Es entsteht aber durchaus der Eindruck, dass er vor seinem Abenteuer nicht nur ein Survival-Buch, sondern gleich eine ganze LKW-Ladung davon gelesen hat. Seltsam ist auch seine Angabe, dass er mit einer wöchentlichen Kolumne (800 Wörter) für die Zeitung seine Familie finanziell über Wasser halten will. Später stellt sich heraus, dass ihm ein Satellitentelefon und so einiges an Ausrüstung gesponsert wurde. Auch ein Filmteam wird plötzlich erwähnt, das eine Dokumentation über sein Aussteigerleben dreht. So ganz “völlig unvorbereitet” wie er tut, war Guy Grieve also auf keinen Fall. Ein Geständnis, das er dem Leser durchaus zumuten hätte können. Seltsam ist auch sein permanentes Selbstmitleid, dass er seine Familie im Stich gelassen hat (muss so ein Egotrip sein, wenn man zwei kleine Kinder zuhause hat?), während er gerne mal wochenlang vergisst, sich über das Satellitentelefon bei ihnen zu melden. Als dann auch noch seine Frau plötzlich unabgesprochen das gemeinsame Haus verkauft und er das gar nicht schlimm findet, fragt man sich schon, warum er wichtige Details so großzügig weggelassen hat.

Nichtsdestotrotz ist “Eine Büroklammer in Alaska” ein kurzweiliges, amüsantes und interessantes Buch mit einer wirklich außergewöhnlichen Story. Wer sich schon immer gefragt hat, wie man in der Wildnis Alaskas oder bei grauenhaften Minusgraden überleben kann, bekommt hier teilweise abschreckende Antworten auf seine Fragen. Respekt vor Guy Grieve – er hat schon echt einiges geleistet. Und etwas Gutes für seine weitere Zukunft hatte die “Auszeit Alaska” für ihn auch: Statt in einen normalen Bürojob zurückzukehren, hat er gemeinsam mit seiner Frau Juliet auf der schottischen Isle of Mull “The Ethical Shellfish Company” gegründet. Das Unternehmen fängt und vertreibt Jakobsmuscheln, und zwar auf ökologisch korrekte, nachhaltige Weise. Absolut top!

Mein Fazit: Dieses Buch ist nicht nur ein Must-Have für Fans von Abenteuern in kalten Ländern, sondern auch Pflichtlektüre für alle, die auch gerne mal ausprobieren möchten, wie sich Aussteigen so anfühlt.

Guy Grieve
Eine Büroklammer in Alaska – Wie ich meinen Schreibtisch gegen die Wildnis eintauschte
Ankerherz Verlag
3. Oktober 2016
356 Seiten
ISBN: 978-3958980112

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