Am Nordkap

Es ist 23:45 Uhr. Finnischer Zeit. Dieses kleine Detail wird noch wichtig. Wir sitzen am Nordkap, am letzten Zipfel des europäischen Festlandes und blicken auf die Sonne. Die, der Uhrzeit zum trotz, ziemlich hoch am Himmel steht. Und leider nicht die Wärme bringt, die sie bringen könnte. Es hat ungefähr 8 Grad, dazu ein beißender Wind. Ich habe vier Jacken übereinander; und selbst die Regenhose über der Softshellhose kann den Wind nicht komplett abhalten. Gestern Mücken, heute Kälte – die Kälte ist zelttauglicher.

Unsere beiden Hilleberg-Zelte stehen schon ordentlich aufgebaut auf einer moosbewachsenen Klippe. Von dort blicken wir aufs Meer, darüber die Sonne. Wenn es in 10 Minuten Mitternacht wird könnten wir die berühmte Mitternachtssonne sehen. Nur, und das ist das wichtige Detail, nur in Finnland wird es in 10 Minuten Mitternacht. Hier in Norwegen, obwohl wir jetzt nochmal knapp 300km “über” Finnland sind, ist es auf einmal wieder eine Stunde früher. Für uns ist die Mitternachtssonne also eine ein-Uhr-nachts-Sonne. Wir werden ausharren. Zumal Lars’ Wetterapp behauptet, dass die Sonne doch untergeht, für ein paar Minuten nur. Das wollen wir sehen.

Das letzte Mal in Nordnorwegen haben wir ewige Dunkelheit erlebt, jetzt ewige Helligkeit. Ein absolutes Kuriosum der Natur. Und nachdem wir letztes Jahr an Kap Horn nicht anlanden konnten ist es schon sehr genial jetzt so unverhofft am Nordkap aufzuschlagen.

350 Kilometer sind wir heute gefahren. Der Grenzübertritt nach Norwegen war enttäuschend unspektakulär. Danach sah die Landschaft schlagartig anders aus. Irgendwie “erschlossener”, nicht mehr so ursprünglich, aber trotzdem traumhaft schön. Und auch die Moskitos wurden endlich (!) mit jedem Meter weniger.

Knapp 300 Kilometer sind wir am Meer entlang gefahren. Wir haben unzählige Rentiere gesehen und viele Radfahrer, die sich schwer bepackt Wind und Kälte zum Trotz in Richtung Nordkap vorkämpfen. Ich habe Respekt ohne Ende vor diesen Sportlern, ich könnte das nie.

Die bunten Häuser, die Fjorde, die kleinen Dörfer, das alles sieht in echt noch schnuckeliger aus als man es von den Postkarten aus dem hohen Norden her kennt. Aber dort zu wohnen (oder alleine die Vorstellung dort zu wohnen) ist schon die absolute Härte. Je weiter wir nach Norden kamen desto karger wurde die Vegetation – bis auf einmal gar nichts mehr wuchs außer Gras, Moos und ein paar tapfere kleine Blümchen. Auf den Bergen waren überall Schneereste zu sehen. Hier ist man gefühlt am Ende der Welt angekommen. Ewige Kälte, und im Winter zusätzlich ewige Dunkelheit und ständiger Schnee. Dazu der Wind. Und trotzdem gibt es hier nicht nur Häuser oder Dörfer, sondern ganze Städtchen. Wer hier wohnt muss irgendwie verrückt sein. Auf jeden Fall macht es Lust, mehr von dieser kalten Welt zu sehen. Grönland zum Beispiel. Oder Spitzbergen. Obwohl ich es mir dort ehrlichgesagt gar nicht so sehr anders vorstelle als hier.

Außer viel karger Natur, dem Meer und der Mitternachtssonne gibt es das Nordkapp natürlich auch als Touristenattraktion. In einem großen Gebäude (mit dazugehörigem gigantischen (Wohnmobil-)Parkplatz) gibt es alles was das Herz von Reisegruppen und Bustouristen begehrt. Ein Restaurant, ein Museum, einen Souvenirshop. Nach unserer exzellenten, vor unserem Zelt eingenommenen Fertigmahlzeit, haben wir einen Blick hineingeworfen. Leider ist halb Deutschland auch da. Fremdschämen pur, und mal wieder ein Highlight in Sachen unangemessene Kleidung (kurze Hosen, Schlappen ohne Socken).

Jetzt bewundern wir die Sonne noch bis sie (vielleicht) untergeht, und schauen dann mal, wie es sich am Nordkap im Zelt so schläft. Gute Nacht!

Zurückgelegte Entfernung ab Kuusamo:
Ca. 850

Bestätigtes Stereotyp des Tages:
Norweger sind blond.

Highlight 1 des Tages:
Die Mitternachtssonne! Wir haben ausgeharrt: Die Sonne ist NICHT untergegangen.

Highlight 2 des Tages:
Ein Gespräch mit einem Radler, der vor 2 Monaten in Linz aufgebrochen ist und nun zum Kap radelt. Wir saßen in einem schönen Campingplatz-Café (ich habe das Gefühl, die Campingplätze hier sind alle um Welten schöner als die in Deutschland), haben Lachs-Pie gegessen und geredet.

Geständnis des Tages:
Wir haben im Nordkap-Souvenirshop was gekauft.

Pläne für den nächsten Tag:
Kaffeetrinken in Hammerfest

***

Wir haben die 6-Grad-Nacht in unseren Zelten gut verbracht. Heute ist keine Sonne zu sehen. Der Himmel ist grau. Wir hatten wahnsinns Glück gestern mit der Mitternachtssonne, denn anscheinend hatte sie sich auch in den letzten Tagen nicht sehen lassen. Auf geht’s, nach Hammerfest!

Zustand des Daunenschlafsacks: Immer noch trocken.

(@K.K.: Danke für Deine SMS, ich hab mich riesig gefreut!)

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