Für die leidensfähige Leserschaft:
Adam Fletcher mit “Du fährst wohin?!”

Ich fasse dieses Buch mit einem Wort zusammen: “Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!”

Noch nie, wirklich noch nie, habe ich bei einer Lektüre bei jedem einzelnen Kapitel zurück zum Inhaltsverzeichnis geblättert, um zu schauen, wie viele Seiten lang ich noch (mit)leiden muss. Die Geschichten, die Adam Fletcher (Jahrgang 1983) in seinem Reisegeschichtenbuch “Du fährst wohin?!” zusammengestellt hat, sind einfach zu krass – auf quasi jeder dritten Seite standen mir die Haare zu Berge. Hinzu kommt Adams himmelschreiend komischer und nüchterner Erzählstil – ich habe dieses Buch geliebt!

Von einer skurrilen Situation in die nächste…

Adam Fletcher beschreibt sich selbst als totale Couchpotato, der seinen Job, seine Freunde und sein Privatleben gerne etwas vernachlässigt. Um etwas mehr Action in sein Leben zu bringen, beschließt er, an ungewöhnliche Orte zu reisen, und darüber zu schreiben. Er scheint dafür geboren zu sein, auf seinen Reisen in die skurrilsten Situationen zu geraten und diese dann auch noch unheimlich süffisant zu beschreiben. Am Anfang dachte ich, dass das Buch streckenweise frei erfunden wäre, weil es sowas einfach nicht in echt geben kann. Ich hab dann aber nachgegoogelt und für die erzählten Begebenheiten tatsächlich Belege gefunden – oh Gott!

In Wuhan beispielsweise darf der Reisebus, in dem sich Adam Fletcher zusammen mit seiner Freundin Annett befindet, eine Brücke nicht passieren. Die geplante 14-stündige Fahrt dehnt sich deshalb auf 44 Stunden aus – ohne Wasser- und Essensvorräte. Schlimm ist die Beschreibung des schleimspuckenden Chinesen im Stockbett über ihnen (“Wie sich zeigte, hatte der Mann über ihr mit seinem letzten Geschoss das Ziel verfehlt, so dass nun Schleimfäden von oben auf Annetts Bett tropften. Er linste kurz über den Rand um heruaszufinden, wer nach ihm trat. Dann lächelte er ein weitgehend zahnloses Lächeln, richtete seinen Spuckbeutel und legte sich wieder zur Ruhe”, S. 88), noch schlimmer ist die Schilderung der Toilettenpause (“‘Wie war’s da drinnen?’, fragte ich. Sie streifte mich mit einem unsteten Blick. ‘Lass uns niemals darüber sprechen.’, S. 93) und geradezu unerträglich ist der Bericht über die psychische Belastung während dieses Horrortrips – wenn es nicht so lustig wäre, könnte man echt nur heulen.

Von Tschernobyl bis nach Nordkorea

Nach Istanbul, Ghana, Israel und Palestina macht Adam Fletcher natürlich auch einen Abstecher nach Tschernobyl, wo er beim Unterschreiben eines Formulars voller Sicherheitsvorschriften von seinem Reiseleiter mit den Worten “Sie bekommen mehr Strahlung auf Flug als heute” aufgemuntert wird. Fletcher dazu ganz nüchtern: “Bei Ryanair jedenfalls bekam man keine derartigen Formulare zur Unterschrift vorgelegt. Was eigentlich verwunderlich ist. Mit einem Upgrade-Angebot bestehend aus Strahlenschutzkleidung und einem frisch belegten Sandwich ließe sich sicher ordentlich Geld verdienen.”

Weiter geht es in nach wie vor unerträglicher Manier zum Karaoke-Singen nach Transnistrien – der Leser staunt nicht nur über die Bestechungen in diesem “Land” -, in das offiziell nicht anerkannte Liberland (zwischen Serbien und Kroatien) und nach Moldawien, wo seine Reisegruppe aus einem so dermaßen krassen Trupp randalierender Alkoholiker besteht, dass mir alleine bei dem Gedanken, mit solchen Leuten unterwegs sein zu müssen, schon schlecht wird. Als dann, während einer Busfahrt, auch noch ein Rumäne aufspringt und “Ich bin die Inkarnation des Teufels” schreit, ist die Absurdität perfekt. Ich habe Tränen gelacht.

Leider beschließt Adam Fletcher nach seiner Reise nach Nordkorea (“Es war schön, Annett wieder dabeizuhaben. Ich hatte jemanden, mit dem ich reden konnte, und es war beruhigend zu wissen, dass dieser jemand eine Person war, die immer besser informiert und vorbereitet war als ich. Als würde man mit einem lebendigen Google reisen, den man auch noch umarmen konnte”, S. 302), dass er zukünftig nicht mehr so viel unterwegs sein möchte. Er möchte lieber sein Leben in seiner Wahlheimat Berlin auf die Reihe bekommen. Das ist extrem schade. Obwohl, wenn ich es mir genauer überlege: Wahrscheinlich hat Adam das Talent dazu, sogar in Berlin die abgefahrensten Erlebnisse anzuziehen. Ich würde sehr gerne darüber lesen…

“Du fährst wohin?!” küre ich zum besten Buch, das ich bisher im Jahr 2017 gelesen habe. Ein Dank an den Ullstein Verlag für dieses Rezensionsexemplar!


Adam Fletcher
Du fährst wohin?!
Ullstein Verlag
12. Mai 2017
352 Seiten
ISBN: 978-3548375601
9,99 Euro

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